NewsMedizinFrühgeburt: Meta-Analyse vergleicht Tokolytika
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Frühgeburt: Meta-Analyse vergleicht Tokolytika

Freitag, 12. Oktober 2012

dpa

Indianapolis – Gynäkologen können eine drohende Frühgeburt häufig durch Medika­mente um mehrere Tage hinausschieben. Eine Netzwerk-Meta-Analyse vergleicht im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2012; 345: e6226) die verschiedenen Tokolytika. Einen Nutzen für das Kind kann die Analyse jedoch nicht belegen.

Die Verzögerung der Geburt um ein oder zwei Tage erscheint bei Kindern, die mehrere Wochen zu früh zur Welt kommen, zunächst wenig sinnvoll. Sie verschafft den Gynäkologen jedoch wertvolle Zeit, um durch eine antenatale Kortikoidtherapie die Lungenreifung des Kindes zu fördern oder die Mutter in ein tertiäres Versorgungs­zentrum transportieren zu lassen. Den Gynäkologen steht eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung. Dazu gehören Betamimetika wie Ritodrin oder Terbutalin, Magnesium­sulfat, Postaglandin-Inhibitoren wie Indomethacin oder Ketorolac, Kalziumantagonisten wie Nifedipin, Nitrate wie Nitroglycerin, Oxytocinrezeptorblocker wie Atosiban, um nur die am häufigsten verwendeten Mittel zu nennen.

Anzeige

Geburtshelfer können sich bei der Wahl der Tokolytika auf zahllose Studien und nicht weniger als 5 Cochrane-Übersichten stützen. Dort wurde die Wirkung allerdings nur gegen Placebo oder einzelne andere Tokolytika untersucht. Eine gemeinsame Auswertung, die eine Rangliste der einzelnen Tokolytika ermittelt, gab es bisher nicht. David Haas von der Indiana University School of Medicine in Indianapolis hat dies jetzt erstmals in einer Netzwerk-Meta-Analyse versucht. Sie berücksichtigt 95 randomisierte Studien, darunter auch einigen nicht-englischsprachige, die zum Zweck der Analyse übersetzt wurden.

Haas unterscheidet mehrere Ziele einer tokolytischen Therapie. In den meisten Studien war dies die Verzögerung der Geburt um 48 Stunden. Dies gelingt Hass zufolge am besten mit Postaglandin-Inhibitoren, die 5,39-fach häufiger als Placebo ihr Ziel erreichen. Es folgen Magnesiumsulfat (2,76-fach besser), Kalziumantagonisten (2,71-fach besser) und Betamimetika (2,41-fach besser) sowie der Oxytocinrezeptorblocker Atosiban (2,02-fach). Das Hinauszögern der Geburt ist bei drohender Frühgeburt jedoch nur Mittel zum Zweck. Das primäre Ziel besteht, darin die Mortalität und Morbidität der Kindes zu senke und die Mutter zu schonen.

Hier liefert die Netzwerk-Meta-Analyse keine überzeugenden Argumente für die Tokolyse. Beim Endpunkt neonatale Mortalität scheiterte dies an der geringen Zahl von Todesfällen in den einzelnen Studien. Aber auch im Endpunkt Atemnotsyndrom des Neugeborenen (es ist die Rationale für die antenatale Steroidtherapie) war keines der Medikamente signifikant besser als Placebo. Am ehesten scheinen hier Kalziumantagonisten wirksam zu sein.

Angesichts dieser Ergebnisse hat der Editorialist Zarko Alfirevic von der Universität Liverpool Zweifel, ob eine Tokolyse überhaupt sinnvoll ist. Der Gynäkologe fordert, dass die Wirksamkeit der Medikamente nicht allein an ihrer Fähigkeit gemessen werden dürfe, die Geburt hinauszuzögern. Es müsse vielmehr bewiesen werden, dass Mutter und Kind einen Nutzen haben. Andernfalls würde vor allem die Mutter belastet, was nach den Meta-Analyse von Haas vor allem bei Betamimetika der Fall war, die 22,68-fach häufiger als Placebo zu Nebenwirkungen führten, gefolgt von Magnesiumsulfat (8,15-fach) und Kalziumantagonisten (3,80-fach). © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

16. November 2020
Hamburg – In diesem Jahr sind bislang weniger Kinder zu früh auf die Welt gekommen als im Vorjahreszeitraum. Das berichtet die Techniker Krankenkasse (TK) auf der Basis ihres Versichertenkollektivs.
Anteil der Frühgeborenen in diesem Jahr stark zurückgegangen
4. November 2020
Genf – Eine antenatale Steroidbehandlung, die in reicheren Ländern bei einer drohenden Frühgeburt seit langem Standard ist, hat sich jetzt in einer randomisierten Studie der
Antenatales Dexamethason senkt Sterberisiko von Frühgeburten auch in ärmeren Ländern
30. Oktober 2020
Berlin – Die Zahl der Muttermilchbanken ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich angewachsen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im
Deutlicher Anstieg der Muttermilchbanken
20. Oktober 2020
München – Eine zu frühe Geburt kann die Gefäßentwicklung in der Netzhaut stören und so eine Frühgeborenenretinopathie (ROP) auslösen. Bislang erhalten alle Frühchen, die vor der 32.
Leitlinie empfiehlt Screening auf Frühgeborenenretinopathie bei Geburten vor der 31. Schwangerschaftswoche
13. Oktober 2020
New York – Obwohl Neugeborene sich bei ihrer Mutter mit SARS-CoV-2 anstecken und an einer Pneumonie erkranken können, scheint das Risiko im klinischen Alltag überschaubar zu sein. In einer Fallserie
SARS-CoV-2: Neonatale Infektionen selten und meist ungefährlich
16. Juli 2020
Berlin – Frühgeborene, deren Mütter zur Reifung der fetalen Lungenfunktion Glukokortikoide erhalten hatten, leiden signifikant häufiger als Kinder, die nicht exponiert waren, unter psychischen
Glukokortikoide zur Lungenreife beinträchtigen psychische Entwicklung und Verhalten
26. März 2020
St. Louis – Ein epidermaler Wachstumsfaktor, der in den ersten Tagen in höherer Konzentration in der Muttermilch enthalten ist, war in einer Studie in den Proceedings of the National Academy of
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER