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Ärzteschaft

Bayerischer Ärztetag: Ökonomische Fehlanreize durch Qualitätsindikatoren ersetzen

Sonntag, 14. Oktober 2012

Augsburg – Der Bayerische Ärztetag hat die fortschreitende Industrialisierung der Medi­zin kritisiert. In einer vom Vorstand der Bayerischen Ärztekammer eingebrachten Entschließung forderten die Delegierten die in der Verantwortung stehenden Politiker sowie Krankenkassen- und Klinikleitungen auf, „sämtliche Fehlanreize, die auf Kosten einer qualifizierten und humanen Patientenversorgung ausschließlich ökonomische Ziele verfolgen, abzuschaffen und stattdessen an Kliniken und Praxen Qualitätsindikatoren, Patientensicherungssysteme, qualifizierte Weiter- und Fortbildung sowie Kriterien für Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit einzuführen“.

Die Implementierung von Konzepten und Anreizmechanismen aus der Industrie bewirkten spürbare Nachteile für die flächendeckende Versorgung der Patienten und Fehlanreize für Ärzte, die sowohl zu Leistungseinschränkungen als auch zu Leistungsausweitungen führen könne, heißt es in der Entschließung. „Die wichtigen zwischenmenschlichen Aspekte der vertrauensvollen Beziehung zum Patienten treten bei den Industria­lisierungs­tendenzen in den Hintergrund. Humanisierung statt Industrialisierung ist zu fordern!“

„Empathie und Zuwendung gehen verloren, wenn Begriffe wie Effizienzsteigerung domi­nieren“, kritisierte Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Grundsätzlich stelle sich die Frage, inwieweit sich die Öko­nomi­sierung mit dem Berufsbild des Arztes einerseits und dem Solidarprinzip in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung andererseits vereinbaren lasse. Die Diskussion auf dem Bayerischen Ärztetag solle auch für eine entsprechende Medienresonanz sorgen. „Wir müssen das Problem der Indus­tria­lisierung und Öko­nomi­sierung in der Medizin in die Gesellschaft bringen.“

Ethik muss in die Ökonomie hineinkommen
Hierzu ein wenig Kontra gab es von Georg Marckmann, Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der LMU München. Vordringlich sei es nicht, die Probleme nach draußen zu tragen, sondern sie selber anzupacken. Eigentlich sei die Selbstverwaltung eine gute Sache, doch blockierten zuweilen Eigeninteressen eine notwendige Fortentwicklung des Systems. „Wenn Ärzte das nicht selbst regeln, macht es die Politik“, betonte Marckmann. Beispielsweise sei die ärztliche Indikationsstellung „die entscheidende Stellschraube für den Ressourcenverbrauch im Gesundheitswesen“. Die Ärzte selbst müssten dafür sorgen, so Marckmann, dass Überflüssiges nicht passiert. Die Ethik habe nur eine Chance, wenn sie in die Ökonomie hineinkommt.

Als Gesprächspartner auf dem Podium wollte Michael Philippi, Vorstandsvorsitzender der Sana Kliniken AG, bei der Eröffnungsveranstaltung nicht für Fehlentwicklungen in der medizinischen Versorgung verantwortlich gemacht werden. Er warnte vor einem Katastrophenszenario: „Wir haben noch nie so erfolgreich Medizin gemacht wie heute.“

Und wenn man eine Veränderung wolle, dann könne das wiederum nur über die Ökonomie erfolgen, etwa indem man die sprechende Medizin gegenüber der Apparatemedizin aufwerte. Über die Zielvereinbarungen mit Chefärzten über bestimmte Patientenzahlen werde in seiner Klinikkette bereits seit einigen Jahren diskutiert. Es gebe gerade ein Nachdenken darüber, ob das wirklich sinnvoll sei, merkte Philippi zu diesem Thema an. Auch in der „normalen“ Wirtschaft finde aktuell eine Diskussion darüber statt, was die richtigen Anreize für Führungskräfte seien. 

Intensiv diskutiert wurde auf dem Bayerischen Ärztetag über den von der Bundesre­gierung vorgelegten Gesetzentwurf, mit dem die Beschneidung minderjähriger Jungen legalisiert werden soll. Trotz der dringlichen Empfehlung einiger Delegierter, sich in dieser Angelegenheit nicht öffentlich zu Wort zu melden, sprach sich der Ärztetag mit großer Mehrheit gegen den Gesetzentwurf aus. „Der 71. Bayerische Ärztetag stellt fest, dass die körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen über dem Recht zur Religionsfreiheit Dritter (hier der Eltern bzw. religiöser Glaubensgemeinschaften) steht und nicht verhandelbar ist.“ © TG/aerzteblatt.de

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