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Medizin

Schützen Multivitamine Männer vor Krebs?

Donnerstag, 18. Oktober 2012

dpa

Boston – Nachdem eine Reihe von spektakulären Negativstudien gezeigt hatte, dass einzelne Vitamine das Krebsrisiko eher erhöhen als mindern, ermittelt die erste randomisierte klinische Studie eine Reduktion der Krebsrate bei älteren Männern. Die in der Physicians' Health Study II beobachteten Effekte waren aufgrund einer hohen Teilnehmerzahl der Studie signifikant, das Ausmaß war allerdings denkbar gering. Die Studie wurde auf einer Tagung der American Association for Cancer Research in Anaheim/Kalifornien vorgestellt und im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2012; doi: 10.1001/jama.2012.14641) publiziert.

Die Physicians' Health Study II war 1997 nach dem Abschluss der ersten Ärztestudie begonnen worden. Die erste Physicians' Health Study hatte gezeigt, dass die regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure das Herzinfarktrisiko um 44 Prozent senkt – nicht aber die kardiovaskuläre Sterblichkeit (NEJM 1989; 321: 129-35). Ein weiterer Teil der Studie hatte für Betacarotin weder einen Nutzen noch einen Schaden für die Gesundheit finden können (NEJM 1996; 334: 1145-9).

Die Physicians' Health Study II untersuchte den Einfluss von Vitaminen in der Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Diese Frage drängte sich auf, da wenigstens die Hälfte aller erwachsenen US-Amerikaner täglich Vitamine einnehmen – im Glauben auf eine gesundheitsfördernde Wirkung. Dieses Vertrauen wurde allerdings in den letzten Jahren durch einige Negativergebnisse erschüttert.

Es begann mit zwei randomisierten Studien, in denen Betacarotin bei Rauchern unerwartet die Zahl der Lungenkrebserkrankungen steigerte. Eine andere Studie zeigt, dass Vitamin E das Sterberisiko am Prostatakarzinom erhöhen kann und in weiteren Studien steigerte Folsäure die Zahl der Darmpolypen, die eine Vorstufe des Kolorektalkarzinoms sind.

Auch die ersten Ergebnisse zur Physicians' Health Study II waren enttäuschend. Die Studie hatte 14.641 Männer im Alter über 50 Jahren auf eine von 16 möglichen Kombinationen von Vitamin C (500 mg Ascorbinsäure), Vitamin E (400 IU Alpha-Tocopherol), Beta-Carotin (50 mg) ein Multivitaminpräparat oder Placebo randomisiert. Der Arm zu Betacarotin wurde bereits 2003 beendet – ohne Erfolg. Vor drei Jahren wurden die Ergebnisse zu Vitamin C und E vorgestellt – ebenfalls ohne Erfolg. Keines der beiden Vitamine erzielte eine krebspräventive Wirkung, weder für die Gesamtrate noch für einzelne häufige Tumore (JAMA 2009; 301: 52-62). Jetzt liegen auch die Ergebnisse zum Multivitamin-Präparat vor.

Dieses Mal kann Michael Gaziano vom Brigham and Women’s Hospital in Boston einen Erfolg mitteilen, der aber nicht alle Beobachter überzeugen wird. Unter den 14,641 männlichen US-Ärzten war es in einer Studiendauer von 11,2 Jahren zu 2.669 Krebserkrankungen gekommen. Darunter waren – angesichts des Durchschnittsalters von 64 Jahren zu Studienbeginn nicht überraschend – 1.373 Prostatakarzinome und 210 Kolorektalkarzinome. 2.757 Männer (18,8 Prozent der Kohorte) sind bereits gestorben, davon 859 (5,9 Prozent) an Krebs.

Geringer Effekt
Der Publikation zufolge erkrankten Ärzte, die regelmäßig Multivitamine einnahmen zu 8 Prozent seltener an Krebs. Die Hazard Ratio 0,92 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,86 bis 0,998 knapp signifikant. Dies erlaubt die Botschaft, dass Multivitamine vor Krebs schützen. Der Effekt war jedoch gering. Die Inzidenz sinkt von 18,3 auf 17,0 Ereignisse pro 1.000 Personen-Jahre, also um etwas mehr als 1 Promille. Gaziano verzichtet so auch auf die ansonsten übliche Number Needed to Treat. Sie beträgt 769. So viele müssten ein Jahr lang Multivitamine einnehmen, um eine Krebserkrankung zu verhindern.

Dies ist allerdings das einzige stichfeste Ergebnis der Studie. Für die einzelnen Tumorarten, auch das Prostatakarzinom, konnte keine Reduktion der Erkrankungsrate gefunden werden. Auch eine Reduktion der Krebssterblichkeit und der Gesamtsterblichkeit konnte nicht belegt werden, auch wenn es in beiden Endpunkten einen Trend gab: Die Krebsmortalität sank von 5,6 auf 4,9 pro 1.000 Personenjahre (HR 0,88; 0,77-1,01). Die Gesamtsterblichkeit wurde tendenziell um 6 Prozent vermindert (HR 0,94; 0,88-1,02).

Kritiker dürfen zum einen darauf hinweisen, dass der Effekt denkbar gering ist und sich nicht mit den Ergebnissen von prospektiven Beobachtungsstudien (die allerdings eine geringe Evidenz haben) deckt. Weder die Cancer Prevention Study II an mehr als einer Million US-Erwachsenen noch die Women’s Health Initiative mit 160.000 Teilnehmen fanden Hinweisen, dass Anwender von Multivitaminen seltener an Krebs erkranken. In einer schwedischen Untersuchung an 35.000 Frauen war die Einnahme sogar mit einem Anstieg um 19 Prozent assoziiert (Am J Clin Nutr. 2010; 91: 1268-1272).

Eine Ausnahme bildet der Linxian Chinese Cancer Prevention Trial. In dieser Interventionsstudie senkte eine Kombination aus Betacarotin, Vitamin E und Selen  die Krebssterblichkeit um 13 Prozent und die Gesamtsterblichkeit um 9 Prozent (JNCI 1993; 85: 1483-1492). Diese Studie wurde allerdings in einer Region mit bekanntem Vitaminmangel der Bevölkerung durchgeführt.

Ein weiterer Einwand betrifft das Risiko, dass die Bevölkerung im Vertrauen auf den Krebsschutz von Multivitaminen auf andere präventive Maßnahmen verzichtet, das Rauchen nicht aufgibt und sich ungesund ernährt. © rme/aerzteblatt.de

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