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Medizin

Gen bestimmt Placebowirkung

Mittwoch, 24. Oktober 2012

dpa

Boston – Ob Patienten auf Placebos ansprechen, ist auch eine Frage der Gene. In einer Studie in PloS ONE (2012; 7: e48135) verbesserte eine Genvariante die Wirkung einer Scheinakupunktur beim Reizdarmsyndrom. Die Genvariante erhöht im Frontalhirn die Verfügbarkeit von Dopamin. Die Placebowirkung ist demnach an das körpereigene Belohnungssystem gekoppelt.

Catechol-O-Methyltransferase (COMT) gehört zu den Enzymen, die im Körper Katecho­lamine abbauen. Im Gehirn verkürzt es im synaptischen Spalt die Wirkungsdauer von Dopamin. Seit längerem ist bekannt, dass Mutationen, die zum Austausch der Aminosäure Valin nach Methionin an Position 158 führen, die Wirkung von COMT herabsetzen. Im Frontalhirn, wo der Verstand oder nach der Terminologie der Hirnforscher die exekutiven Funktionen beheimatet sind, kommt es zu einer Steigerung der Dopaminkonzentration um den Faktor 3 bis 4, wenn die Patienten den homozygoten met/met-Genotyp haben.

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Der Neurotransmitter Dopamin wird seit einiger Zeit auch als biologische Ursache der Placebowirkung diskutiert. Ein Beweis dafür wäre der Nachweis, dass der „val158met“-Polymorphismus die Placebowirkung beeinflusst. Genau dies ist jetzt Kathryn Hall vom Beth Israel Deaconess Medical Center im Boston gelungen, die im Rahmen des Program in Placebo Studies and Therapeutic Encounter (PiPS) in diesem Bereich forscht.

Das Team untersuchte die Blutproben von 104 Patienten, die an einer früheren Untersuchung zur Placebowirkung beim Reizdarmsyndrom teilgenommen hatten. Die Studie hatte drei Arme: In einem Arm wurden die Patienten in der Warteliste auf eine spätere Behandlung vertröstet. Im zweiten Arm wurde eine Scheinakupunktur in einer neutralen Atmosphäre („limited interaction“) durchgeführt. In der dritten Studie hatten sich die Therapeuten um die warme, empathische und vertrauliche Atmosphäre der traditionellen chinesischen Medizin bemüht („augmented interaction“). Aber auch hier wurde nur eine Scheinakupunktur durchgeführt. Dass sie nicht ohne Wirkung blieb hatte PiPS-Leiter Ted Kaptchukdas in einer früheren Publikation zeigen können (BMJ 2008; 336: 999-1003).

Nach den jetzt von Hall vorgestellten Daten wurde das Ausmaß der Placebowirkung vom „val158met“-Polymorphismus beeinflusst. Besonders deutlich war dies im „augmented interaction“-Arm der Studie. Im „limited interaction“ war ein Einfluss zu erahnen. Die stärkste Wirkung erzielten Teilnehmer mit dem met/met-Genotyp, gefolgt vom val/met-Genotyp und dem val/val-Genotyp.

Diese abgestufte Wirkung ist für Hall ein weiterer Beleg dafür, dass die Placebowirkung von der Dopaminkonzentration im Frontalhirn bestimmt wird. Die Forscherin glaubt nicht, dass der COMT-Phänotyp die Placebowirkung vollständig erklärt. Auch im val/val-Genotyp blieb die „augmented interaction“ nicht ohne Wirkung. Die Forscherin könnte allerdings erstmals einen Biomarker für die Placebowirkung gefunden haben.

Ein solcher Marker könnte es der Pharmaindustrie erleichtern, die Wirkung neuer Medikamente in Studien zu belegen, meint Gunther Winkler von „ASPB Consulting“, den die Pressemitteilung der Universität zitiert. Winkler glaubt, dass die Selektion von Patienten mit geringer Placeboneigung der Industrie viel Geld sparen würde, da sie weniger Patienten in die Studien einschließen müsste, um signifikante Ergebnisse zu erzielen.

Dies könnte sich aber als Trugschluss erweisen, denn am Ende könnte die Zulassung auf jene Patienten mit met/met-Genotyp beschränkt werden. Bei den anderen könnte – in einer hypothetischen Argumentation der Zulassungsbehörde – zur Behandlung ja ein Placebo völlig ausreichen. © rme/aerzteblatt.de

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