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„Schmerz gilt heute nicht mehr als Schicksal“

Freitag, 26. Oktober 2012

Berlin – Patienten mit chronischen Schmerzen warten im Durchschnitt bis zu vier Jahre, bis sie eine qualifizierte schmerztherapeutische Behandlung erhalten. Experten diagnostizieren in Deutschland eine klare Unterversorgung von Schmerzpatienten. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erläutert der neue Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft (früher DGSS), Thomas Isenberg, wie man die Versorgung der Schmerzpatienten verbessern und welche Rolle die Deutsche Schmerzgesellschaft dabei spielen könnte. 

Fünf Fragen an… Thomas Isenberg, Geschäfts­führer der Deutschen Schmerzgesellschaft

DÄ: Herr Isenberg, nicht alle Patienten mit chronischen Schmerzen erhalten eine adäquate Therapie. Wie wollen Sie die Schmerzbehandlung in Deutschland verbessern?
Isenberg: Um die Schmerzbehandlung verbessern zu können, müssen wir zunächst einmal genau wissen, wo die Defizite liegen. Und das können wir nur in den Regionen herausfinden. Mein Ziel ist es deshalb, regionale Schmerzforen zu initiieren, in denen Experten zusammenkommen und die Versorgungslage vor Ort analysieren. Dabei soll es auch darum gehen, welche Verträge mit den Krankenkassen bereits existieren und welche wir noch brauchen. Insgesamt muss das Thema Schmerz ein Topthema der regionalen, aber auch der bundesweiten Gesundheits- und Wissenschaftspolitik werden.

Wichtig ist mir außerdem, die Zusammenarbeit mit Hausärzten, Kinderärzten, anderen Fachgebieten sowie Psychologen, aber auch Pflegekräften, Physiotherapeuten und Apothekern weiter auszubauen. Ein bundesweiter Schmerzaktionstag findet ab sofort immer am zweiten Dienstag im Juni eines jeden Jahres statt, in 2013 also am 4. Juni. An diesem Tag können sich Krankenhäuser, Arztpraxen, Apotheker, Pflegekräfte und alle Berufsgruppen präsentieren, die in der Schmerzbehandlung aktiv sind. So wird der Kontakt zu betroffenen Patienten intensiver hergestellt und auch das Netzwerk gestärkt.  

Außerdem möchte ich unserer Forderung nach einem Nationalen Aktionsplan gegen den Schmerz Nachdruck verleihen. Hier ist die Politik in der Verantwortung.  Denn wir müssen in Deutschland erreichen, dass jeder Mensch weiß, was bei Schmerzen zu tun ist und an wen er sich wenden kann. Und auch, wenn es für chronische Schmerzen wirksame Therapiekonzepte gibt, müssen wir erreichen, dass akute Schmerzen frühzeitig und ausreichend behandelt werden, um chronische Schmerzen zu verhindern.  Deshalb sollte es zur Indikation Schmerz öffentlich geförderte Aufklärungsveranstaltungen, Broschüren, Plakate und Anzeigen geben – wie bei den Diagnosen Krebs und AIDS. Und wir erwarten vom Forschungs- und vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium, dass sie die Schmerzforschung zunehmend als Schwerpunkt in ihre Förderprogramme aufnehmen.

Damit jeder Arzt in Deutschland Schmerzen diagnostizieren und behandeln kann, fordern wir zudem, dass die Schmerztherapie verstärkt Teil der Weiterbildung für alle Fachärzte und psychologischen Psychotherapeuten, aber auch bei anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens wird. Im Netzwerk der Deutschen Schmerzgesellschaft bieten wir schon heute ein ergänzendes modulares Fort- und Weiterbildungsprogramm an. Dazu haben wir im Herbst dieses Jahres die Deutsche Schmerzakademie gegründet. Diese wollen wir mit Partnern gemeinsam ausgestalten. Natürlich ist uns auch die Fortent­wicklung der Vergütungsstruktur ein wichtiges Anliegen, damit gute Arbeit erfolgreich geleistet werden kann.

DÄ: Wollen Sie die Deutsche Schmerzgesellschaft umbauen?
Isenberg: Ich möchte sie nicht umbauen. Sie hat eine beachtenswerte Basis und Qualität der Arbeit in den letzten 30 Jahren entwickelt. Aber: Ich möchte sie ins dritte Jahrtausend überführen, auch was ihre Organisation und Präsenz betrifft. Dafür ziehen wir zum Beispiel nach Berlin. Und wir möchten politischer werden, die öffentliche Wirkung und die Umsetzung unsere Erkenntnisse erhöhen. Gerade diesen Monat haben wir eine entsprechende Kampagne gestartet. Mit einem Appell für Versorgungsforschung in der Schmerzmedizin sammeln wir bundesweit Unterschriften mehrerer Tausend Persönlichkeiten rund um das Thema Schmerz. Diese werden wir nach der Bundestagswahl im Spätherbst 2013 der neuen Bundesregierung übergeben.  

Konkret wollen wir beispielsweise eine Anlaufstelle für Register zur Akutschmerzversorgung sowie zur Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen schaffen und damit nach der Bundestagswahl an die Politik herantreten.  Und wir wollen den Dialog mit anderen Organisationen intensivieren, die für eine bessere Versorgung von Schmerzpatienten arbeiten. Zum Beispiel werden wir den Dialog mit der Schmerzliga, einer Selbsthilfeorganisation, die lange Zeit von Marianne Koch geleitet wurde, ausbauen.

DÄ: Wie groß ist die Deutsche Schmerzgesellschaft?
Isenberg: Wir haben mehr als 3.300 Mitglieder und sind damit die größte wissenschaftliche Schmerzgesellschaft Europas. Eine Hälfte unserer Mitglieder kommt aus der Universitätsmedizin, von dort kommen vor allem Anästhesisten. Wir haben als Mitglieder aber auch sehr viele Psychologen sowie Allgemeinmediziner, Internisten, Onkologen und Orthopäden, von denen viele in der Niederlassung tätig sind. Dazu kommen Physiotherapeuten und Pflegefachkräfte.  Damit unterscheiden wir uns von klassischen Fachgesellschaften. Aber diese Interdisziplinarität und Interprofessionalität ist auch eine unserer Stärken. 

DÄ: Das Fach Schmerzmedizin hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Wie ist es aus Ihrer Sicht dazu gekommen?
Isenberg: Vor 20 Jahren war die Schmerzmedizin noch Außenseiter. Unser Fach hat seitdem an Relevanz gewonnen. Denn die Sicht auf den Schmerz hat sich gewandelt. Er gilt nicht mehr als Schicksal, sondern als behandelbare Krankheit. Heute gibt es zum Beispiel ein Mustercurriculum, die aktuelle Novelle der ärztlichen Approbationsordnung hat zudem die Schmerzmedizin als neuen, auch prüfungsrelevanten, Querschnittsbereich eingeführt. Außerdem ist der Schmerz jetzt endlich im Morbi-RSA abgebildet. Die Schmerztherapie ist also mit Strukturen unterlegt und wird daher für die Vertragspartner zunehmend interessant. 

DÄ: Wie finanziert sich die Deutsche Schmerzgesellschaft?
Isenberg: Die Schmerzgesellschaft finanziert sich in erster Linie durch Mitgliedsbeiträge und Erlöse des Deutschen Schmerzkongresses, aber auch projektspezifische Koopera­tionen mit der pharmazeutischen und nicht-pharmazeutischen Industrie existieren. Wichtig ist uns dabei, dass über Kooperationen oder Interessenkonflikte Transparenz besteht und es nicht zu inhaltlich-programmatischer Abhängigkeit oder gar unseriöser Arbeit kommt. Dafür gibt es Kodizes, die eingehalten werden müssen, zum Beispiel, wenn es um die Entwicklung von Leitlinien geht. Und wir achten strikt darauf, dass sie eingehalten werden. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #96694
Bruddler
am Sonntag, 28. Oktober 2012, 19:19

Versorgung und Progose

Es sei stellvertretend für viele chronisch Schmerzkranke die Frage erlaubt, ob ein Mehr an "Versorgung" auch ein Weniger an Schmerzen bedeutet. Oder ob die Gefahr iatrogener Schäden steigt. Jedenfalls konnte die Zunahme von "Versorgung" die leitlinienwidrige Explosion epiduraler Cortisoninjektionen und Wirbelsäulenoperationen nicht verhindern. Insoweit von "Einhaltung der Leitlinien" keine Spur. Forschung ja. Fehlversorgung nein.
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