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Ärzteschaft

Ärzte empört über Impfstoff-Chaos

Freitag, 26. Oktober 2012

dapd

Berlin/Köln – Scharfe Kritik wegen der Unstimmigkeiten um die Grippe-Impfstoffe haben verschiedene ärztliche Verbände geübt. „Die derzeitige Situation ist für Patienten und Ärzte untragbar. Einzelne Impfstoffhersteller sind sich offenbar ihrer Verantwortung für die Bevölkerung nicht bewusst“, sagte Regina Feldmann aus dem Vorstand der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung. „Die derzeitige Situation verunsichert die Menschen nur und hält sie von der notwendigen Grippeschutzimpfung fern“, so Feldmann.

Die Historie des Streits um die Impfstoffe fasste der NAV-Virchowbund zusammen: Nachdem in diesem Jahr die Kassen erstmals für diese Impfsaison Grippeimpfstoffe für Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern ausgeschrieben hatten und der Hersteller anschließend nicht ausreichend liefern konnte, kam es in den Arztpraxen zu Engpässen bei Grippeschutzimpfungen.

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Nun musste das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) einige Chargen des Impfmittelherstellers wegen möglicher Nebenwirkungen zurückrufen beziehungsweise -halten. Andere Anbieter, die in der Ausschreibung unterlegen sind, haben ihre Produktionskapazitäten zurückgefahren und können nicht im ausreichenden Maße einspringen.

„Das ist ein schwerer Rückschlag für alle Bemühungen, die Impfraten in Deutschland zu steigern“, kritisierte der NAV-Vorsitzende Dirk Heinrich. Deutschland sei bereits jetzt im Vergleich der westlichen Industrienationen im hinteren Drittel bei der Durchimpfungsrate der Bevölkerung.

Das System der Rabattverträge kritisierte auch der Präsident der Ärztekammer Westfa­len-Lippe, Theodor Windhorst. „Da geht billig vor gut. Die Abschaffung dieser Verträge, die Qualität und Quantität beeinträchtigen, ist überfällig“, sagte er. Die Kassen bestimmten die Marke und ließen Arzt und Patient damit keine freie Wahl mehr. Sie müssten dann gegebenenfalls einen Impfstoff verwenden, dessen Qualität nicht abgeklärt sei. Außerdem entstünden durch die Verträge regional Abhängigkeiten von den Herstellern, so der westfälische Ärztepräsident.

„Unverantwortlich“, nannte der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, Dieter Geis, die Ausschreibungen. „Dieser Lieferengpass lässt sich nur dann vermeiden, wenn die exklusiven Rabattverträge für Schutzimpfstoffe abgeschafft werden“, sagte er.

Kritik auch aus der Pharmaindustrie
Der Kritik an den Rabattverträgen schließt sich die pharmazeutische Industrie an. „Die derzeit auftretenden Probleme bei Impfstoffen für die Grippeschutzimpfung sind das Ergebnis einer verfehlten Kassenpolitik“, sagte Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäfts­führer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. Der Versuch, durch Ausschreibungen die Kosten zu minimieren, gehe zu Lasten der Versorgung der Versicherten. „Den pharmazeutischen Unternehmen sind in einer solchen Situation die Hände gebunden“, Fahrenkamp.

Denn die Unternehmen, die bei der Ausschreibung nicht zum Zuge gekommen seien, müssten ihre Produktionen drosseln, da sie im anderen Fall Impfstoffe herstellen würden, die nicht zum Einsatz kämen. Doch müssten Krankenkassen sich klar sein, dass es gerade bei der schwierigen Impfstoffherstellung immer zu Problemen kommen könne. „Somit ist dieses Versorgungssegment nicht geeignet, um durch Ausschreibungen auf Kosten der Versorgung der Versicherten und ihrer Gesundheit einige Cent zu sparen“, so der BPI-Hauptgeschäftsführer.

Nach dem teilweisen Rückruf zweier Grippeimpfstoffe des Herstellers Novartis durch das PEI versuchen die Behörden eine Panik unter Patienten zu verhindern. Jeder könne sich bedenkenlos impfen lassen, versicherte dessen Präsident Klaus Cichutek gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen hat die vorsorgliche Rücknahme der Freigabe von vier Chargen des Grippe-Impfstoffs Begripal und einer Charge des Impfstoffes Fluad durch das PEI begrüßt: „Diese schnelle Maßnahme zum Schutz der Patienten vor möglichen Nebenwirkungen zeigt, dass unsere Sicherungssysteme funktionieren“, hob der der hessische Ärztekammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach hervor. 

Nach Angaben der Schweizer Firma Novartis wurden bereits eine Million Dosen Begripal und Fluad verabreicht, ohne dass es unerwartete Nebenwirkungen gegeben habe. Cichutek versuchte auch, die Befürchtungen vor einem Impfstoff-Engpass zu bremsen. Es sei natürlich immer möglich, dass es zu kleineren Engpässen bei der Belieferung mit Impfstoffen komme, sagte er. Allerdings gebe es eine ganze Reihe von Alternativen zu den betroffenen Impfstoffen.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium bat das Paul-Ehrlich-Institut, mit den Kassen und den Herstellern Gespräche über die Frage der Impfstoffversorgung aufzunehmen. Sie sollten in der nächsten Woche stattfinden, sagte ein Ministeriumssprecher am Freitag.

Eine PEI-Sprecherin erklärte, das Institut sei üblicherweise nicht in die Impfstoffverteilung eingebunden, werde aber helfen, wo immer dies möglich sei. Denkbar sei unter Umständen, Impfdosen je nach tatsächlichem Bedarf zwischen Bundesländern und Regionen auszutauschen oder Impfdosen aus dem Ausland zu besorgen, um lokale Engpässe zu kompensieren.

Am Freitagabend machte das PEI den Weg für den Vertrieb von 620.000 bereits produzierten Impfdosen frei, wie eine Sprecherin des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums in Berlin sagte. Diese bereits produzierten Dosen stammten von den Herstellern GlaxoSmithKline und Abbott, sagte die Sprecherin. Damit seien nun etwa 14 Millionen Impfdosen freigegeben und teils schon verabreicht, vergangenes Jahr habe man rund 15 Millionen gebraucht. Die aktuelle Zahl an Freigaben liegt aber unter denen der vergangenen Jahre. Das Ministerium erläuterte, die Herstellung habe diesmal später eingesetzt, weil die Welt­gesund­heits­organi­sation WHO die Stammzusammensetzung der Impfstoffe spät bekannt gegeben habe. © hil/afp/aerzteblatt.de

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Avatar #110206
kairoprax
am Montag, 29. Oktober 2012, 20:56

Stopp, Frau Feldmann!


Frau Feldmann, kommen Sie aus Ihrem Wolkenkuckucksheim der von der Notwendigkeit der Grippeimfung und von dem Dogma der Notwendigkeit, die Impfrate zu steigern herunter!
Hier spielen Pharmariesen mit der Gesundheit von uns allen.
Ich kann doch nicht allen Ernstes als verantwortlich impfender Arzt jeden x-beliebigen Dreck unter die Haut eines Mitmenschen jubeln, nur damit eine hohe Impfrate erreicht wird.
Der drohende Schaden, von dem Amerikaner, Italiener und Schweizer offenbar überzeugt sind, solltze uns nachdenklich und nicht nur zurückhaltend, sondern ablehnend werden lassen.
Ich bin empört, aber nicht deswegen, weil man mich nicht in Ruhe weiterimpfen läßt, sondern weil man mich nötigt, gegen meine Überzeugung einen Stoff zu verimpfen.

Dr.Karlheinz Bayer
Avatar #71289
ingoelmar
am Samstag, 27. Oktober 2012, 12:21

Grippe-Impfstoff

Ich erinnere an den damaligen Skandal um die HIV verseuchten Faktor 8 Präparate in den auch ein namhafter deutscher Hersteller verwickelt war. Damals wurden aus Kostengründen die Inaktivierungsschritte an den üblichen Standard angepasst d. h. reduziert um die Ausbeute zu erhöhen. Der deutsche Hersteller war einfach zu teuer um auf dem internationalen Markt konkurrieren zu können. Sein Hinweis auf die die höhere Sicherheit seines Produkts hat ihm nichts gebracht.
LNS

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