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Ärzteschaft

„Ich fürchte fatale Rückwirkungen für unser Fach“

Freitag, 2. November 2012

Berlin – Die Pathologie muss von der neuen Bedarfsplanung ausgenommen werden, die alle Arztgruppen umfassen soll, fordert Werner Schlake, Präsident des Bundesverbands Deutscher Pathologen. Denn viele Kolleginnen und Kollegen sind sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich tätig. Eine Bedarfsplanung für den ambulanten Sektor würde das sektorübergreifende Arbeiten empfindlich stören. Hintergrund: Vom nächsten Jahr an sollen auch niedergelassene Pathologinnen und Pathologen in die neue Bedarfsplanung einbezogen werden. Am 6. September wurde für sie bereits eine Zulassungssperre verhängt.

5 Fragen an Werner Schlake, Präsident des Bundesverbands Deutscher Pathologen, zur Zukunft der Pathologie

DÄ:
Herr Professor Schlake, der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat vor kurzem eine Zulassungssperre für neun Arztgruppen verhängt, die bislang nicht in die ambulante Bedarfsplanung einbezogen waren, darunter auch die Pathologen. Im neuen Jahr soll dann geregelt werden, wie viele Ihrer Kollegen sich jeweils in einem Bezirk einer Kassenärztlichen Vereinigung niederlassen können. Können Sie diese Entscheidungen nachvollziehen?
Schlake: Nein. In Bezug auf die Berufsgruppe der Pathologen ist eine Bedarfsplanung unnötig. Es sind in Deutschland rund 700 Pathologinnen und Pathologen dem ambulanten Bereich und knapp 600 dem stationären Bereich zugeordnet. Wir machen insgesamt nur 0,4 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte aus. Unser Anteil am gesamten Honorarvolumen im ambulanten Bereich beträgt 0,6 Prozent. Dazu kommt: Unsere Fachgruppe wird ja ausschließlich von anderen ärztlichen Fachgruppen beauftragt. Wir haben also auf die Menge der Aufträge gar keinen Einfluss. Ich denke, man will uns in die neue Bedarfsplanung einbeziehen, weil man in Zukunft grundsätzlich alle Vertragsarztgruppen beplanen will.

DÄ: Drängen denn viele junge Ärztinnen und Ärzte in Ihrem Fach in die Versorgung?
Schlake: Nein, im Gegenteil: Wir haben Nachwuchsprobleme. Die Zulassungszahlen für den ambulanten Bereich sind seit Jahren ziemlich stabil. Allenfalls in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin ist das etwas anders. Nur: Wenn vor Ort mehr Pathologen arbeiten, dann haben sie insgesamt nicht mehr zu untersuchen. Die Gesamtzahl der Fälle bleibt ja gleich.

DÄ: Aber es besteht die Sorge, Ihr Gebiet könne in Zukunft erheblich mehr finanzielle Mittel benötigen, Stichwort: Molekularbiologie.
Schlake: Das ist in der Tat der Begriff, unter dem man die Sorgen zusammenfassen kann. Nur: Wenn das Stichwort Molekularbiologie fällt, wird häufig unterschlagen, dass es dabei nicht nur um Diagnostik im Bereich Pathologie geht, sondern auch in Bereichen wie Labor oder Humangenetik. In der Pathologie geht es, wenn es um molekularbiologische Analysen geht, fast nur um Tumorbiologie. Wir untersuchen in diesem Bereich Tumorzellen auf bestimmte genetische Charakteristika hin. Da wir die prognostizierten jährlichen Neuerkrankungsraten kennen, können wir auch ausrechnen, welche Gelder wir für bestimmte molekularbiologische Verfahren benötigen. Deshalb kann von einer Kostenexplosion in diesem Bereich gar keine Rede sein.

Nehmen Sie zum Beispiel Brustkrebs. Wir wissen, dass etwa 70.000 Frauen pro Jahr neu daran erkranken. Für einen Gensignaturtest kommt etwa ein Drittel von ihnen infrage. Er kostet natürlich Geld, aber der Test macht bei einem Teil der Frauen auch eine teure und belastende Chemotherapie überflüssig. Insgesamt beträgt der Honoraranteil, der für molekularbiologische Tests abgerechnet wird, derzeit nur ein Prozent des Umsatzes eines Pathologen.

Natürlich ergibt sich für die Zukunft möglicherweise eine Vielzahl von Optionen in diesem Bereich. Das könnte dann tatsächlich teuer werden. Aber dann muss man grundsätzlich diskutieren, was sozusagen aus der Werkstatt der Medizin in die Routineversorgung übernommen wird und was nicht. Es kann nicht sein, dass man einem Innovationsdruck in manchen Fächern dadurch entgegenwirkt, dass man strukturelle Maßnahmen ergreift wie zum Beispiel in Form einer neuen Bedarfsplanung.

DÄ: Was würde eine Bedarfsplanung für den ambulanten Bereich für Ihre Kolleginnen und Kollegen bedeuten?
Schlake: Ich fürchte fatale Rückwirkungen für unser Fach. Die Pathologie ist bisher ein ganzheitliches Fach. Jeder von uns beherrscht die Diagnostik für den ambulanten und den stationären Bereich. Und das ist gut so, denn dem Tumor ist es gleichgültig, ob Patienten ambulant oder stationär versorgt werden. Wir sind in einer Person Grund- wie auch Spezialversorger, je nach Aufgabenstellung.

Ungefähr 90 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland haben gar keine eigene Abteilung für Pathologie. Sie werden von anderen Krankenhausabteilungen und Instituten, aber auch niedergelassenen Pathologen mitversorgt. Im Gegensatz zu anderen Fächern gibt es bei uns Kollegen, die Ordinarien sind und gleichzeitig mit mehreren Kollegen in einer Berufsausübungsgemeinschaft niedergelassen.  Oder niedergelassene Pathologen, die auch Chefarzt an einer Klinik sind. Auch qualitativ arbeiten wir über alle Bereiche auf einem Level. Hier die ambulante, dort die stationäre Pathologie – das gibt es im Grunde nicht. Wir sind optimal vernetzt.

Wenn nun die Zulassungen im ambulanten Bereich durch die neue Bedarfsplanung eingeschränkt würden, dann müsste die Versorgung von Krankenhäusern durch andere Kliniken oder durch Pathologen ohne Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigung erfolgen. Dadurch würde sich das ganze Gebiet rückentwickeln in einen ambulanten und einen stationären Bereich. Das wäre ein Rückschritt, denn wir wollen diese Grenzen doch auflösen. Wir bemühen uns ja gerade auch, ambulanten und stationären Bereich für die Weiterbildung zusammenzubinden. Auch das würde auf Dauer erschwert.

DÄ: Einige auf Medizinrecht spezialisierte Anwälte haben bereits geraten, gegen den Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses zur Sperrung zu klagen. Was halten Sie davon?
Schlake: Natürlich kommen mehrere Juristen meist zu unterschiedlichen Meinungen. Wir verweisen aber darauf, dass es nach wie vor eine gesetzliche Regelung gibt, wonach Gruppen mit weniger als 1.000 Ärztinnen und Ärzten im ambulanten Bereich nicht beplant werden, und das trifft auf uns zu. Wir wollen unsere Einwände durchsetzen und werden einzelne Pathologen bei ihren Klagen unterstützen. © Rie/aerzteblatt.de

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