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Politik

Transplantations­konferenzen schaffen Klarheit bei der Verantwortung

Montag, 12. November 2012

Köln – An verschiedenen deutschen Transplantationszentren hat es in der Vergangen­heit offenbar absichtliche Verstöße gegen die Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer und möglicherweise auch gegen Gesetze gegeben. Ein Teil dieser Verstöße hatte das Ziel, Patienten auf der Warteliste nach vorn rücken zu lassen, damit sie schneller ein postmortales Organ erhalten.

Die Vorgänge waren Anlass für ein Bündel von Maßnahmen, um Aufsicht und Kontrolle über die Transplantationsmedizin zu verbessern. Dazu gehört das von der Bundesärzte­kammer (BÄK) in einer Novellierung der Richtlinien zur Organtransplantation eingeführte „Mehraugenprinzip“: Eine interdisziplinäre, organspezifische Transplantationskonferenz am Behandlungszentrum soll darüber entscheiden, ob ein Patient auf die Warteliste aufgenommen oder von ihr abgemeldet wird.

Die Transplantationskonferenz ist auch Ansprechpartner für Eurotransplant – der Organvermittlungsstelle, die für die richtlinienkonforme Zuteilung postmortaler Organe verantwortlich ist. Wie Eurotransplant (ET) die Richtlinien umsetzt und welche anderen Maßnahmen zur Verbesserung der Kontrolle getroffen worden sind, erläuterte  Axel Rahmel im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Fünf Fragen an Axel Rahmel, Medizinischer Direktor von Eurotransplant, der Vermittlungs­stelle für postmortale Organe im niederländischen Leiden

DÄ: Sind die interdisziplinären Trans­plan­ta­tionskonferenzen etwas Neues? Gibt es sie auch in anderen Ländern?
Rahmel: Interdisziplinäre Transplan­tationskonferenzen hat es schon früher an vielen Zentren in Deutschland gege­ben und natürlich auch in anderen Ländern, vergleichbar etwa den Tumor­boards. Neu ist – und das gibt es derzeit in dieser Form in keinem anderen Mitgliedsland von Eurotransplant – dass damit formal die Verantwortung für Entscheidungen zur Aufnahme auf die Warteliste oder zur Abmeldung klar in den Händen dieses namentlich benannten Teams liegt, also die Verbindlichkeit größer ist. Damit lassen sich voraussichtlich Lücken in der Dokumentation schließen, denn ET hat bei Unklarheiten verantwortliche Ansprechpartner in den Zentren. Bei einem Verdacht auf Nichteinhalten der Richtlinien oder Verstößen gegen das Transplantationsgesetz, die durch ET oder andere Stellen an die Prüfungs­kommission bei der Bundes­ärzte­kammer gemeldet werden, gibt es  ebenfalls klare Ansprechpartner, eine „Diffusion“ der Verantwortlichkeit wird so vermieden.

DÄ: In der Vergangenheit ist auch Verwunderung darüber geäußert worden, dass manche Manipulationen, zum Beispiel an Laborwerten von Patienten, bei Eurotransplant durch die Plausibilitätskontrolle gefallen sind.
Rahmel: Wir sind Dienstleister, die eine gesetzes- und richtlinienkonforme Allokation durchführen. Wir unterstützen die Mitgliedsländer bei der Kontrolle der Transplantations­zentren. Wie Sie schon sagen: Es hat auch bislang schon umfangreiche Kontrollen der  Daten gegeben: dazu gehören zum Beispiel die Verpflichtung, Kopien der Originaldaten von Patienten mit einem hohen MELD-Score zu übersenden, aber auch die Durch­führung von Plausibilitätskontrollen zum Zeitpunkt der Dateneingabe.

Diese Kontrollen haben wir aus gegebenem Anlass angepasst und werden sie in Absprache mit den zuständigen Gremien weiter verfeinern. Die Plausibilitätskontrollen können aus mehreren Elementen bestehen: Die Normwerte werden bei der Eingabe geprüft, sie werden mit früheren eingegebenen Werten verglichen und einzelne Werte werden in Relation zu anderen funktionalen Parametern des Patienten gesetzt. Wird ein Patient zum Beispiel auf die Warteliste zur Lungen­trans­plan­ta­tion angemeldet, können wir prüfen, ob die beim Lungenallokations-Score angegebenen Werte zu denen der Beatmung passen oder zur dokumentierten Gehstrecke. Anamnese und Behandlung von Wartepatienten sind natürlich oft komplex. Ein Patient, der eine neue Leber benötigt, kann trotz vergleichsweise niedriger Kreatininwerte eine Nierenersatztherapie benötigen, zum Beispiel weil er, bedingt durch die Lebererkrankung, einen Aszites hat.

DÄ: Bei Eurotransplant laufen ja auch die Fäden zusammen, wenn es um die Frage geht, ob auffällig viele Organe an bestimmte Zentren über die so genannte Rescue-Allokation vermittelt werden, also die zentrumszentrierte Zuteilung wegen drohenden Organverlusts. Oder ob besonders viele Patienten hochdringlich gemeldet werden.
Rahmel: Auch hier ermitteln wir computergestützt, ob es auffällige Häufungen in den von Ihnen angesprochenen Kategorien gibt. Die entsprechenden Berichte an die Prüfungs­kommission bei der Bundes­ärzte­kammer wurden hierzu in diesem Jahr noch einmal erweitert.

DÄ: In Deutschland ist im November die so genannte Entscheidungslösung in Kraft getreten: Die Versicherten müssen regelmäßig von den Krankenkassen über die Möglichkeit der Organspende informiert werden und werden gebeten, sich zu dieser Frage zu äußern. Erklärtes Ziel ist, die Förderung der Organspende und die Entlastung von Angehörigen. Wie schätzen Sie die Wirksamkeit ein?
Rahmel: In der internationalen Betrachtung der Wirksamkeit hat sich gezeigt: Globale, also zielgruppenunspezifische Werbekampagnen für Organspende bringen im Allge­meinen wenig. Für die Regelung, wie sie jetzt in Deutschland getroffen worden ist, gibt es aber international kein Vorbild, weil hier eine direkte Kommunikation der Krankenkassen mit den Versicherungsnehmern vorgesehen ist. Ich glaube, es liegt eine Chance darin, die Versicherten persönlich anzusprechen, jüngere zum Beispiel anders als ältere. Selbstverständlich muss dabei der Datenschutz gewahrt werden. Neben dieser persönlichen Ansprache gehört zu dem Schreiben, das an die Versicherten gesandt wird, auch ein allgemeiner Teil mit detaillierten Informationen zu wichtigen Aspekten der Organspende und -transplantation, der für alle Versicherten einer Krankenkasse gleich sein kann.

DÄ: Gibt es gelungene Kampagnen in den Eurotransplant-Mitgliedsländern?
Rahmel: In den Niederlanden wird mit der Kampagne „Jaa of Nee“, übersetzt „Ja oder Nein“, ein ähnlicher Ansatz wie in Deutschland verfolgt. Ziel ist in erster Linie, die Bevölkerung zu motivieren, sich überhaupt zu entscheiden, und diese Botschaft ist offenbar angekommen. Dies zeigt sich in einer zunehmenden Dokumentation zur Frage der Organspende. © nsi/aerzteblatt.de

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