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Medizin

Stress im Säuglingsalter prägt Teenager-Gehirn

Montag, 12. November 2012

Madison – Ein erhöhter Stress der Mutter kann sich langfristig ungünstig auf die Hirnentwicklung ihrer Säuglinge aus­wirken. Nachdem frühere Studien bereits hormonelle Störungen in der Kindheit dokumentiert hatten, zeigt eine aktuelle Untersuchung in Nature Neuro­science (2012; doi: 10.1038/nn.­3257), dass die betroffenen Mädchen im Teenager-Alter Störungen in emotionale Hirnzentren aufweisen. Bei Jungen waren diese Zusammenhänge nicht erkennbar.

Seit 1989 begleitet Marilyn Essex von der Universität von Wisconsin in Madison eine Gruppe von Familien, um den Einfluss von emotionalen und materiellen Nöten auf die Entwicklung der Kinder zu untersuchen. Vor zehn Jahren berichtete die Psychiaterin, dass Stressfaktoren in den ersten Lebensmonaten (Early life stress) wie Frustrationen mit der Mutterrolle, Depressionen, Ehekonflikte oder finanzelle Nöte bei Säuglingen hormonelle Störungen hinterlassen: Die basalen Cortisolspiegel in Speichelproben waren im Vorschulalter erhöht, die Kinder zeigten häufiger mentale Auffälligkeiten (Biological Psychiatry 2002; 52: 776-84).

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Inzwischen haben die Kinder das späte Teenageralter erreicht. Cory Burghy vom Waisman Laboratory for Brain Imaging and Behavior in Madison konnte 75 Jungen und Mädchen aus der Wisconsin Study of Families and Work im Alter von 18 Jahren mit der funktionellen Kernspintomographie (fMRI) untersuchen.

Normalerweise wird das fMRI eingesetzt, um die Hirnaktivität bei bestimmten kognitiven Aufgaben zu messen. Burghy interessierte sich jedoch für die Hirnaktivität in Ruhe. Diese „resting-state functional connectivity“ gibt Auskunft über die „Verdrahtung“ der einzelnen Hirnareale. Burghy fand heraus, dass bei den Mädchen, die im Vorschulalter die höchsten Cortisolwerte hatten (als frühe Folgen eines Stressschadens), im Alter von 18 Jahren die Verbindungen zwischen zwei für das emotionale Gleichgewicht wichtigen Zentren vermindert waren.

Betroffen waren die Nervenbahnen zwischen den Corpora amygdaloideum und dem ventromedialen präfrontalen Cortex. Die Amygdalae (Mandelkerne) sind als „Angstzentren“ im Gehirn für die emotionale Bewertung von eintreffenden Signalen zuständig. Im präfrontalen Cortex, dem Sitz der menschlichen Vernunft (Hirnforscher sprechen von „exekutiven Funktionen“), ist der ventromediale Abschnitt für die Regulation von Gefühlsreaktionen zuständig.

Die Ergebnisse lassen sich leicht als Folge des familiären Stresses deuten, dem die Teenager im Säuglingsalter infolge der emotionalen und materiellen Not ihrer Mütter ausgesetzt waren. Sie zeigen, dass die Erlebnisse das Gehirn offenbar bis zum Teenageralter prägen. Dafür spricht auch, dass Teenager mit einer verminderten „Connectivität“ psychisch labiler waren als andere. Die Hirnveränderungen erklären laut den Autoren etwa 65 Prozent der Unterschiede in der Ängstlichkeit der Teenager.

Erstaunlich war, dass die Zusammenhänge bei Jungen nicht nachweisbar waren. Es ist allerdings bekannt, dass sich Stressbelastungen bei heranwachsenden Mädchen eher als Angststörungen und Depressionen bemerkbar machen, während Jungen eher zu antisozialem Verhalten und Drogenabhängigkeit neigen. © rme/aerzteblatt.de

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