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Politik

Caritaspräsident: Priorisierung im Gesundheitssystem diskutieren

Mittwoch, 14. November 2012

Freiburg – Caritas-Präsident Peter Neher fordert eine breite gesellschaftliche Debatte über die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems. Die Diskussion über die Priorisierung von Gesundheitsleistungen, wonach nicht mehr jeder Patient jede Therapie erhält, dürfe nicht länger allein den Fachleuten vorbehalten sein, sagte Neher gestern in Freiburg. „Eine verdeckte und intransparente Festlegung der Prioritäten ohne gesell­schaft­lichen Konsens darf es nicht geben.“

Das deutsche Gesundheitssystem verliere Menschen am Rande der Gesellschaft zunehmend aus dem Blick, sagte der Caritas-Präsident bei einer Podiumsdiskussion in der Katholischen Akademie Freiburg.

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Rationalisierung und Priorisierung seien eine Gefahr für das Gesundheitswesen. „Diejenigen, die es sich leisten können, erhalten das rationalisierte Gut dennoch. Schon heute ist der Gesundheitszustand von Armen signifikant schlechter als von Besserverdienenden", so Neher.

Der baden-württembergische AOK-Vorstandschef Christopher Herrmann kritisierte, die gesellschaftliche Akzeptanz des Gesundheitssystems nehme derzeit ab, weil die Leistungen nicht gerecht und solidarisch verteilt seien. „Wir brauchen einen Diskurs darüber, was im Gesundheitssystem definitorisch notwendig ist. Ein Schlaraffenland gibt es nicht.“

© kna/aerzteblatt.de

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kairoprax
am Donnerstag, 15. November 2012, 13:24

Priorisierung im Gesundheitssystem


Peter Neher muß man zustimmen, daß die Vergabe von Gesundheitsleistungen nicht den Fachleuten überlassen bleiben darf. Allerdings gehört sie durchaus trotzdem in die Hände von Fachleuten, nur eben in die Hände ganz anderer!

Wir haben es bei der Entnahme und Vergabe von Spenderorganen vorgeführt bekommen, was es bringt, Fachleute an die Schaltstellen zu setzen.
Diese Fachleute (die sie zweifelsohne sind) kümmerten sich in erster Linie um ihr Salär und das Wohl ihrer zahlungskräftigen Klientel. Sie haben das getan, ohne daß sie das Wohl der anderen Kranken interessiert hätte und auch ohne daß sie sich um die Spendebereitschaft kümmerten - wozu auch.

Die Organtransplantation ist aber nur eine von vielen Spitzen eines ganzen Eisbergkonglomerats.

Beispiel Endoprothesen.

Wir sind Endoprothesenimplantationsweltmeister. Erschreckend ist dabei, wie wenige der operierten Patienten vor OP (oder gerne auch statt einer OP) eine adäquate Physiotherapie bekommen haben. Erschreckend ist auch, wie hoch der Anteil derer ist, die nach der Endoprothese nie wieder zum Laufen kommen, weil sie absehbar zu alt und zu morbide sind.

Nach Jahren der Verunglimpfung sogenannter englischer Verhältnisse, sollten wir uns überlegen, ob nicht gerade englische Verhältnisse nötig werden, um das deutsche Gesundheitssystem zu sanieren.
In England werden Zustimmungsgremien beigezogen, die solche Operationen befürworten oder ablehnen. Der Vorteil solcher in der Regel Allgemein- und Nicht- oder Nicht-nur-Fachärzte an Krankenhäusern ist, daß sie als Pförtner und Sichter tätig sind.
Es gäbe, gäbe solche Fachleute, eine Priorisierung garnicht. Es gäbe stattdessen nur fahrlässig sinnlose Operationen und kostenträchtige aber unwriksame postoperative Maßnahmen nicht.

Andere Maßnahmen, wie das Gros der Kniegelenks-MRT bei Fußballern an Montagmorgen, sollten entweder zu Selbstzahlerleistungen werden, oder man sollte hier ebenfalls eine Genehmigungsinstanz einsetzen, - wobei das "oder" als ein logisches Oder gemeint ist.

Es sind garnicht alleine die Montags-Orthopäden und ihre Fußballer, die MRT sind zu einem Zauberwort und Zauberinstrumentbgeworden, mit dem man alles begründen möchte und die zudem keine Strahkenschäden verursachen sollen.
Für den der es nicht weiß, eigentlich kann jeder Arzt in Deutschland jedes MRT anfordern, und oft genug geschieht das nur aus einer absoluten Ratlosigkeit heraus, und in der Hoffnung, ein MRT würde schon irgendwie doch eine Diagnose bringen, zu der man selbst mangels Ausbildung nicht fähig war.

Vielleicht sollte man neben der Facharztqualifikation auch eine Facharzt-Leistungs-Anforderungs-Qualifikation fordern.

Das sind nur drei Beispiele von vielen, die zeigen, daß die Position des Herrn Neher richtig ist. Drei Beispiele, die aber auch zeigen, daß Priorisierung in den Händen wirklich hierfür kompetenter Fachleute keineswegs der Verzicht auf Leistung ist, sondern zunächst einmal nur und ausschließlich der Verzicht auf vermeidbare und unnötige oder sogar falsch indizierte Ausgaben.

Ich ziehe mir mit diesem Beitrag sicher viel Lobbykritik zu. Es wird sich vermutlich am Gesundheitswesen, selbst wenn Herrn Nehers Thesen vielen einleuchten, auch nichts ändern, weil dieselben Lobbyisten sich massenhaft breit machen auf diesem Gebiet der Gesundheitsversorgung, dessen Etat größer ist als der Bundeshaushalt.
Es wäre aber angesichts der demographischen Entwicklung kein Fehler, jetzt ans Bereinigen und Ausmisten zu gehen. Die Alternative heißt, wenn es bald tatsächlich zu einer Rationierung im Gesundheitswesen kommt, stärker als heute schon und das Mark betreffend, nicht den therapeutischen Wildwuchs, wird es uns kaum noch möglich sein, in eine zielführende Strukturdebatte zu kommen.

Dr. Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
LNS

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