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Medizin

Migräne: Läsionen im Kernspin ohne klinische Relevanz

Mittwoch, 14. November 2012

dapd

Leiden – Die schlechte Nachricht ist: Die subklinischen Läsionen, die bei vielen Migräne-Patienten – oft zufällig bei einer aus anderen Gründen veranlassten Untersuchung – in der Kernspintomographie gefunden werden, vergrößern sich mit der Zeit. Doch Auswirkungen auf den Gesundheitszustand hatte dies in einer prospektiven Beobachtungsstudie im US-Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2012; 308: 1889-1897) nicht, was als gutes Zeichen zu bewerten ist.

In der Kernspintomographie werden auch bei gesunden Menschen häufig kleinere hyperintense Läsionen in der weißen Hirnsubstanz gefunden. Allgemein wird vermutet, dass es sich um klinisch stumme Hirninfarkte handelt. Vor einem Jahrzehnt hatte die „Cerebral Abnormalities in Migraine, an Epidemiological Risk Analysis“ oder CAMERA-1-Studie herausgefunden, dass diese Läsionen bei Migräne-Patienten häufiger als bei Gesunden sind. Betroffen waren häufig weibliche Patienten, bei denen die Migräne mit einer Aura einhergeht oder die mehr als eine Migräneattacke pro Monat haben. Andere Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

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Das Team um Mark Kruit von der Universität Leiden konnte jetzt – im Durchschnitt 9 Jahre nach der ersten Untersuchung – bei 203 von 295 Teilnehmern erneut eine Kernspintomographie durchführen. Die CAMERA-2-Studie zeigt: Bei 77 Prozent der Frauen war es zu einer Ausdehnung der hyperintensen Läsionen gekommen. Eine derartige Progression wurde jedoch auch bei 60 Prozent der Gesunden in der Kontrollgruppe festgestellt.

Dies ergibt zwar in der adjustierten Berechnung eine Verdopplung des Progressions­risikos (Odds Ratio OR 2,1) die knapp signifikant ausfiel (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,0-4,1). Auffällig war auch eine tendenzielle Häufung von infratentoriellen Läsionen (15 versus 2 Prozent) und infarktverdächtigen Läsionen im Versorgungsgebiet der Arteria basilaris (5 versus 0 Prozent), die ebenfalls als ominöses Zeichen bewertet werden könnten.

Gegen eine Gefährdung der Patienten spricht jedoch, dass die absolute Ausdehnung der Läsionen bei den inzwischen 57 Jahre alten Patienten begrenzt blieb, und die Untersuchungen der Patienten keine Hinweise auf Schlaganfall-Symptome oder einen Abfall der kognitiven Leistungen ergeben haben. Die kernspintomographischen Befunde sind deshalb weiterhin ohne klinische Bedeutung für die Patienten.

Die Studie belegt auch nicht, dass die Läsionen durch die Migräne ausgelöst werden. Dagegen spricht beispielsweise, dass Progression der Läsionen nicht mit der Zahl der Migräneattacken assoziiert war, was auf eine „Dosis-Wirkungsbeziehung“ hingewiesen hätte. Ungewöhnlich war auch, dass Patienten mit einer Migräne mit Aura, die als die schwerere Verlaufsform eingeschätzt wird, weniger von der Progression betroffen waren als Patienten ohne Aura.

Kruit deutet die Ergebnisse deshalb als eine gute Nachricht für die weiblichen Patienten (bei den wenigen männlichen Patienten war gar keine Assoziation gefunden worden). Auch die National Institutes of Health (NIH), die die Studie gesponsert hatten und die Editorialistin Deborah Friedman vom Southwestern Medical Center in Dallas, finden, dass sich die Patientinnen keine Sorgen machen sollten.

Warum die Läsionen bei Patienten mit Migräne häufiger auftreten, ist ungeklärt. Friedman äußert den Verdacht, dass Migränepatienten eine erhöhte Anfälligkeit auf erworbene oder angeborene Vaskulopathien haben könnten. Sie rät den betroffenen Frauen, modifizierbare Risikofaktoren für den Schlaganfall zu meiden oder zu behandeln.

Neben Adipositas und Bewegungsmangel, Rauchen sowie hohen Blutdruck- und Cholesterinwerten zählt sie dazu die Einnahme von hochdosierten kombinierten Kontrazeptiva, die Migränepatienten über 35 Jahren ihre Ansicht nach meiden sollten. Unklar bleibt laut Friedman, ob die Medikamente zur Migräneprophylaxe oder zur Anfallstherapie einen Einfluss auf die Läsionen haben. Dies dürfte Gegenstand zukünftiger Studien sein. © rme/aerzteblatt.de

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