NewsMedizinFrühgeburtenanstieg: Studie sieht Möglichkeiten für Kehrtwende
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Frühgeburtenanstieg: Studie sieht Möglichkeiten für Kehrtwende

Freitag, 16. November 2012

London – Fünf Maßnahmen könnten den gegenwärtigen Anstieg der Frühgeburtenrate aufhalten. Die Zahl der zu frühgeborenen Kinder könnte bis 2015 sogar um 5 Prozent gesenkt werden, behauptet ein Forscherteam in einer Studie, die anlässlich des Weltfrühgeborenentags am 17. November im Lancet (2012; doi: 10.1016/­S0140-6736­(12)61856-X) publiziert wurde.

In den USA ist der Anteil der Frühgeborenen an allen Geburten zwischen 1989 und 2004 von 10,6 auf 12,5 Prozent gestiegen. Joy Lawn von der unabhängigen Kinderrechts­organisation Save the Children kann diesen Anstieg von absolut 1,9 Prozent nur zur Hälfte (0,9 Prozent) erklären.

Als wichtigsten Grund nennt sie die hohe Rate von iatrogen induzierten Geburten und Kaiserschnitten (0,4 Prozent), gefolgt von der assistierten Reproduktion (0,3 Prozent), die vor allem durch Mehrlingsschwangerschaften das Frühgeburtsrisiko erhöht. Aber auch Mehrlingsschwangerschaften aus anderen Gründen (0,2 Prozent), die ethnische Herkunft der Mutter, das höhere Alter der Mütter und die Vermeidung von Totgeburten (jeweils (0,1 Prozent) hätten zum Anstieg beitragen. Ohne den günstigen Einfluss einer besseren Bildung (0,3 Prozent) wäre der Anstieg in den 15 Beobachtungsjahren sogar noch stärker ausgefallen.

Rauchen als weiterer Risikofaktor
Nur zwei dieser Risikofaktoren (nämlich die Mehrlingsschwangerschaften bei der assistierten Reproduktion und die iatrogen induzierten Geburten und Kaiserschnitte) könnten gesenkt werden. Ein weiterer vermeidbarer Risikofaktor ist Lawn zufolge das Rauchen. Der Nichtraucherschutz hat in Schottland tatsächlich zu einem Rückgang der Frühgeburten geführt (PLoS Med 2009; 6: e1000153).

Schließlich könnte die Supplementation von Risikoschwangeren mit Progesteron oder eine Zervixcerclage helfen, die Rate zu senken. Alle 5 Maßnahmen könnten, so Lawn, in den 39 Ländern, die laut der UNO einen „Very High Human Development Index” (VHHDI) haben, die Rate der Frühgeburten um 5 Prozent senken.

Dass dieses bescheidene Ziel erreicht wird, bezweifelt die Editorialistin Jane Norman von der Universität Edinburgh. Ihre Kritik betrifft den Einfluss von iatrogen induzierten Geburten und Kaiserschnitten. Lawn übersehe, dass die Indikation nicht wahllos gestellt werde. Grund sei eine Gefährung von Mutter und Kind durch die Fortsetzung der Geburt. Eine Senkung der iatrogen induzierten Geburten und Kaiserschnitte könne deshalb zu einem Anstieg der Totgeburten führen.

Auch die Therapie mit Progesteron und eine Zervixcerclage ist nicht unumstritten. Es sei zwar richtig, dass Progesteron perinatale Todesfälle verhindern könne. Die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes seien aber wenig untersucht. Eine allzu großzügige Indikation der Zervixcerclage bei Frauen mit kurzes Zervix ist laut Norman ebenfalls nicht unumstritten.

Grund für einen übertriebenen Pessimismus gibt es allerdings nicht. Die Rate der Frühgeburten steigt zwar in den meisten VHHDI-Ländern. Doch der Anstieg hat sich in den letzten Jahren abgeschwächt. In einigen Ländern wie den Niederlanden, Schweden, Polen, Finnland, Spanien und Estland ist die Rate sogar rückläufig. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

16. November 2020
Hamburg – In diesem Jahr sind bislang weniger Kinder zu früh auf die Welt gekommen als im Vorjahreszeitraum. Das berichtet die Techniker Krankenkasse (TK) auf der Basis ihres Versichertenkollektivs.
Anteil der Frühgeborenen in diesem Jahr stark zurückgegangen
4. November 2020
Genf – Eine antenatale Steroidbehandlung, die in reicheren Ländern bei einer drohenden Frühgeburt seit langem Standard ist, hat sich jetzt in einer randomisierten Studie der
Antenatales Dexamethason senkt Sterberisiko von Frühgeburten auch in ärmeren Ländern
30. Oktober 2020
Berlin – Die Zahl der Muttermilchbanken ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich angewachsen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im
Deutlicher Anstieg der Muttermilchbanken
20. Oktober 2020
München – Eine zu frühe Geburt kann die Gefäßentwicklung in der Netzhaut stören und so eine Frühgeborenenretinopathie (ROP) auslösen. Bislang erhalten alle Frühchen, die vor der 32.
Leitlinie empfiehlt Screening auf Frühgeborenenretinopathie bei Geburten vor der 31. Schwangerschaftswoche
13. Oktober 2020
New York – Obwohl Neugeborene sich bei ihrer Mutter mit SARS-CoV-2 anstecken und an einer Pneumonie erkranken können, scheint das Risiko im klinischen Alltag überschaubar zu sein. In einer Fallserie
SARS-CoV-2: Neonatale Infektionen selten und meist ungefährlich
16. Juli 2020
Berlin – Frühgeborene, deren Mütter zur Reifung der fetalen Lungenfunktion Glukokortikoide erhalten hatten, leiden signifikant häufiger als Kinder, die nicht exponiert waren, unter psychischen
Glukokortikoide zur Lungenreife beinträchtigen psychische Entwicklung und Verhalten
26. März 2020
St. Louis – Ein epidermaler Wachstumsfaktor, der in den ersten Tagen in höherer Konzentration in der Muttermilch enthalten ist, war in einer Studie in den Proceedings of the National Academy of
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER