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Medizin

ADHS: Therapie senkt Kriminalitätsrate

Donnerstag, 22. November 2012

Stockholm – Eine medikamentöse Therapie könnte dazu beitragen, dass Patienten mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) seltener mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dies zeigt eine Studie im New England Journal of Medicine (2012; 367: 2006-2014).

In Schweden ist jeder dritte männliche ADHS-Patient (36,6 Prozent) und jede sechste weibliche ADHS-Patientin (15,4 Prozent) im Alter über 15 Jahren schon einmal wegen einer Straftat verurteilt worden. Die Kriminalitätsrate liegt damit deutlich über dem Durchschnitt für gleichaltrige Männer (8,9 Prozent) und für gleichaltrige Frauen (2,2 Prozent). Diese Beobachtung der Arbeitsgruppe um Henrik Larsson vom Karolinska Institut in Stockholm, der die Daten von mehr als 25.000 schwedischen Patienten ausgewertet hat, deckt sich mit den Erfahrungen aus anderen Studien. So soll ein substanzieller Anteil der Gefängnisinsassen an einem AHDS leiden.

Larsson konnte in seiner Untersuchung die Verordnung von ADHS-Medikamenten mit dem Datum der Gerichtsurteile in Beziehung setzen, was in skandinavischen Ländern wegen der persönlichen Identifikationsnummer leicht möglich ist. Auf diese Weise kann Larsson zeigen, dass medikamentös therapierte AHDS-Patienten seltener straffällig werden als unbehandelte AHDS-Patienten.

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Mehr noch: Während der Zeit, in der ein Patient seine Rezepte einlöst und vermutlich auch die Medikamente einnimmt, sinkt bei Männern das Risiko einer rechtskräftigen Verurteilung um 32 Prozent (adjustierte Hazard Ratio HR 0,68; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,63-0,73). Bei Frauen nahm die Kriminalität während der Therapiephasen sogar um 41 Prozent ab (HR 0,59; 0,50-0,70). In allen Sensitivitäts-Analysen, die die Art der Medikamente (Stimulanzien oder Nicht-Stimulanzien) oder die Art des Verbrechens variierten, wurde unter der Therapie immer eine Reduktion der Verurteilung um 17 bis 46 Prozent ermittelt.

Da die Therapiepausen in der Regel den Verurteilungen vorausgingen, kann Larsson eine reverse Kausalität ausschließen, nach der die Patienten keine Medikamente mehr eingenommen hatten, weil sie im Gefängnis saßen oder aus anderen Gründen keine Rezepte mehr einlösten konnten. Auch andere dritte Faktoren, etwa ein Alkoholexzess, der zur Straftat führt und gleichzeitig die Therapiedhärenz herabsetzt, scheidet als Erklärung wohl aus.

Denn für die Verordnung von Antidepressiva fand Larsson keine Assoziation mit der Kriminalitätsrate. Dennoch kann eine retrospektive Analyse Verzerrungen durch „Confounder“ niemals völlig ausschließen. Dies geht bis zu der etwas absurden Möglichkeit, dass die Medikamente den AHDS-Patienten helfen könnten, nach einer Straftat nicht erwischt zu werden. © rme/aerzteblatt.de

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Kottan
am Freitag, 23. November 2012, 12:49

ADHS - Methylphenidat

Nach heutigem Stand der Forschung ist AD(H)S das Ergebnis einer fehlerhaften Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten (Nervenzellen). Durch diese Veränderung entsteht ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter genannten Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin im Gehirn. Ob das tatsächlich so ist - da fehlen die endgültigen Beweise.
Selbst wenn es so sein sollte, bleibt die Frage nach der Ursache. Wie kommt es zu einem Ungleichgewicht der Botenstoffe?

Augenfällig ist, dass Schätzungen zufolge heute rund 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland betroffen sind. Eine enorme Steigerung gegenüber 1990, die nicht einfach damit zu erklären ist, dass ADHS heute einfacher zu diagnostizieren sei.
Auffällig ist auch, dass ADHS im Erwachsenenalter wesentlich seltener auftritt als bei Kindern und Jugendlichen. (ADHS im Erwachsenenalter ist seit 1995 bekannt und seit 2003 auch in Deutschland anerkannt.)

Bei Methylphenidat handelt es sich um ein Amphetamin. Ein Stoff, der wachhält – eine Droge, die auf der Straße verkauft „Speed“ genannt wird. Ein unter das BTMG fallendes Suchtmittel, das den Konsumenten aggressiv macht und bei nachlassender Wirkung häufig Depressionen hervorruft.
Der „Suchtbericht Deutschland 1999“ warnt bereits über die Gefahren der Überdosierung von Methylphenidat und infolge dessen vom Tod durch Herzversagen.
Die FDA (US-Food und Drug Administration) sieht aggressives Verhalten, Denkstörungen, manisch-depressive Erkrankungen als Folge der Medikamenteneinnahme.
Stephen Van Den Eeden vom Forschungslabor der Krankenkasse Kaiser Permanente in Oakland/Kalifornien hat die Unterlagen von Vorsorgeuntersuchungen der Jahre 1964 – 1973 ausgewertet. Die Auswertung ergab, dass die Patienten, die damals Benzedrin und Dexedrin (dem Methylphenidat ähnliche Wirkstoffe) eingenommen hatten, zu 60% häufiger an einem Morbus Parkinson erkrankten.

Tatsache ist, Methylphenidat verändert die Wahrnehmung. Und für den Patienten stellt sich die Frage:
Bin ich das denn? Oder ist es nur die Droge?
Sowohl die Behandlung als auch die symptomatische Therapie sollten in jedem Fall die Wahrung der menschlichen Würde und der psychophysischen Integrität garantieren.

In der Zeit von 1993 bis 2006 stieg der Verbrauch von Methylphenidat um 3591Prozent – sprich von 35kg auf 1.221kg/p.a. in Deutschland. Ein Schelm, der nun denkt, die Pharmaindustrie könne profitieren.

Doch der im Bericht suggerierte Einsatz von Medikamenten (hier: Amphetamine) gegen Kriminalität sprengen den Rahmen des Erträglichen. Das erinnert an den Roman „Brave new World“ Aldous Huxley, in dem die „zivilisierte“ Menschheit mit dem täglichen Soma ruhiggestellt wird. Dieser Gedanke ist grauenhaft.

Das diese Idee in Schweden geboren wurde, ein Staat der dem Bürger zur besseren Kontrolle das Bargeld entziehen will, mag ein Zufall sein.
LNS

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