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Medizin

Hypersomnie: Hinweise auf körpereigenes Valium

Freitag, 23. November 2012

Atlanta – Ein körpereigenes Benzodiazepin könnte die Ursache der primären Hyper­somnie sein, die mit einem verlängerten nächtlichen Schlaf und einer extremen Tagesschläfrigkeit einher geht. Im Liquor cerebrospinalis der Patienten fanden US-Forscher Hinweise auf eine peptidartige Substanz, deren Wirkung sich durch einen Benzodiazepin-Antagonisten aufheben ließ. In Science Translational Medicine (2012; 161: 161ra151) berichten sie über erfolgreiche Therapieversuche mit Flumazenil.

Die relativ seltene primäre Hypersomnie hat nichts mit dem Schlafapnoe-Syndrom oder der Narkolepsie gemeinsam. Ihre Müdigkeit ist weder die Folge eines nicht-erholsamen nächtlichen Schlafes, noch leiden die Patienten unter plötzlichen Schlafattacken. Sie sind einfach nur müde.

Einige Patienten bringen es auf 10 Stunden Schlaf in der Nacht, ohne dass sie danach ausgeschlafen sind. Die Reaktionszeiten in einem Vigilanztest sind wie bei über­nächtigten Personen verlängert. Die Patienten vergleichen ihren Tag mit dem Herum­stochern im Nebel, berichtet der Neurologe David Rye von der Emory University School of Medicine in Atlanta im US-Staat Georgia. Auf andere Menschen wirken sie, als stünden sie unter der ständigen Wirkung von Schlaftabletten.

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Da die meisten Schlafmittel – vom Alkohol über die Benzodiazepine bis zu den Barbi­turaten – im Gehirn ihre Wirkung über GABA-Rezeptoren erzielen, führte Rys Experi­menten an Zellkulturen durch, die genau diesen Rezeptor exprimieren. Die Liquor-Proben der Patienten allein erzielten keine Effekte.

Als Rye den Kulturen aber zusätzlich den Neurotransmitter GABA hinzufügte, kam es zu einer deutlichen Steigerung der Rezeptor-Aktivität. Da auch Benzodiazepine - über eine allosterische Konformationsänderung des Rezeptors – die Wirkung von GABA verstärkt, vermutet Rye ein körpereigenes Benzodiazapin als Ursache der primären Hypersomnie.

Die Identität dieses endogenen Valiums konnte zwar bisher nicht geklärt werden. Die Analysen zeigen jedoch, dass es sich um ein 500 bis 3.000 Dalton großes Molekül handeln muss, dessen Wirkung durch das Enzym Trypsin neutralisiert werden kann. Rye vermutet ein Peptidhormon vergleichbar mit Oxytocin oder Hypocretin, die jedoch beide als Auslöser ausgeschlossen werden konnten.

Für die Existenz des körpereigenen Benzodiazepins spricht auch die gute Wirkung, die Rye bei seinen Patienten mit Flumazenil erzielte. Das Antidot bindet selektiv an der Benzodiazepin-Bindungsstelle bestimmter GABA-Rezeptoren. Bei sieben Patienten konnte Rye die Tagesmüdigkeit durch die Therapie mit Flumazenil beheben.

Die Ergebnisse in den Vigilanztests normalisierten sich. Ein gewisses Problem bildet die kurze Wirkdauer von Flumazenil von wenigen Minuten. Rye experimentiert deshalb mit Tabletten mit einer verzögerten Wirkstofffreisetzung und mit Cremes, die den Wirkstoff langsam über die Haut in den Körper eindringen lassen. © rme/aerzteblatt.de

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