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Medizin

Erster Grippe-Impfstoff aus Boten-RNA bewährt sich im Tierversuch

Montag, 26. November 2012

Tübingen – Ein deutsches Forscherteam hat einen neuartigen Grippe-Impfstoff entwickelt. Die synthetische Vakzine muss nicht mehr aufwendig in Hühnerembryonen gebrütet oder in Zellkulturen biotechnologisch produziert werden und könnte deshalb kurzfristig auf neue Varianten der Influenza-Viren angepasst werden. In einer Studie in Nature Biotechnology (2012; doi: 10.1038/nbt.2436) hat sich die Vakzine in verschiedenen Tierversuchen bewährt.

Der „RNActive“-Impfstoff der in Tübingen ansässigen Firma Curevac besteht aus „nackter“ Boten-RNA, die durch Bindung an Protamin vor einem raschen enzymatischen Abbau im Gewebe geschützt wird. Nach der intradermalen Injektion wird die Vakzine per Endozytose von Zellen aufgenommen und in ein Protein umgesetzt, dessen Sequenz in der Boten-RNA festgelegt ist. Die freisetzten Peptide sind für den Körper immunogen. Es kommt zur Bildung von Antikörpern und zusätzlich zu einer zellvermittelten Immunität. Letztere fehlt bei konventionellen Impfstoffen weitgehend, weshalb der Hersteller auf eine stärkere Wirkung seiner Vakzine hofft.

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Der neue Grippe-Impfstoff enthält in der mRNA den Bauplan für das Hämagglutinin-Protein, das für die Immunogenität der Grippe-Viren verantwortlich ist. Konventionelle Grippeimpfstoffe bestehen ebenfalls aus dem Hämagglutinin-Protein. Diese werden jedoch außerhalb des Körpers aufwendig in Hühnerembryonen oder in Zellkulturen hergestellt, was häufig mehrere Monate dauert.

Eine rasche Anpassung auf ein genetisch modifiziertes Influenza-Virus ist für die in Hühnerembryonen hergestellten Impfstoffe kaum möglich. Die Welt­gesund­heits­organi­sation ist deshalb gezwungen, die Zusammensetzung des Impstoffs bereits im Frühjahr für die nächste Grippe-Welle festzulegen. Die in Zellkulturen hergestellten Vakzinen lassen sich schneller produzieren, sie sind aber auch auf die biologische Synthese angewiesen. RNActive“-Impfstoffe können dagegen wie Arzneimittel biochemisch hergestellt werden.

Die Produktionszeiten sind deshalb kurz und die Vakzine könne kurzfristig auf eine genetische Änderung des Virus angepasst werden, schreibt das Team um Thomas Kramps von Curevac. Die synthetische Herstellung garantiere auch, dass das Endprodukt frei von Verunreinigungen sei. Unverträglichkeitsreaktionen etwa durch Hühnereiweiß seien ausgeschlossen.

Darüber hinaus seien mRNA-Impfstoffe bei erhöhten Temperaturen stabil. Sie benötigten weder für Lagerung noch für Transport eine Kühlkette, heißt es seitens des Herstellers. Der hebt auch die Vorteile gegenüber einer Gentherapie hervor. Die Boten-RNA werde im Gegensatz zur DNA nicht in das Erbgut integriert. Das Risiko einer Erbgutveränderungen und eventuell der Induktion von Tumoren entfalle deshalb prinzipiell.

Ein Prototyp des neuen Impfstoffes wurde jetzt von der Arbeitsgruppe um Lothar Stitz vom Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) in Tübingen an verschiedenen Tieren untersucht. Bei Mäusen, Frettchen und Schweinen kam es zu einer spezifischen Immunreaktion auf Antikörper- und auf zellvermittelter Ebene, berichtet Stitz. Die Tiere wurden sowohl gegen eine Infektion mit Influenzaviren als auch gegen die Erreger der Vogelgrippe oder der Schweinegrippe geschützt.

Die Wissenschaftler berichten zudem, dass auch Neugeborene und sehr alte Individuen durch die mRNA-Impfung geschützt werden könnten. Dies sei für die vorsorgliche Grippeschutzimpfung wichtig, da Kinder und ältere Menschen als Risikogruppen bei Epidemien gelten. Insbesondere die durch mRNA hervorgerufene zellvermittelte Immunreaktion gegen Bestandteile, die alle Influenzaviren gemeinsam haben, eröffne die Möglichkeit der Herstellung eines universellen Influenza-Impfstoffes, so die Wissenschaftler.

Die Firma Curevac hat in den letzten Jahren zunächst RNActive-Impfstoffe gegen Krebserkrankungen entwickelt. Sie sollen durch die Bildung von Tumorantigenen eine Immunantwort gegen den Tumor auslösen. Zwei Impfstoffe zur Behandlung von Prostatakrebs und kleinzelligem Lungenkarzinom befinden sich derzeit in der klinischen Prüfung.

Ob der Impfstoff seine theoretischen Vorteile gegenüber den konventionellen Impfstoffen ausspielen kann, lässt sich nur in klinischen Studien klären. Zu deren Durchführung benötigt das kleine biopharmazeutische Unternehmen die Kooperation mit einem Pharmagiganten. Für die Entwicklung der Krebsvakzine hat sich Curevac mit Sanofi Pasteur zusammengetan. Ob und wann klinische Studien zum Grippe-Impfstoff geplant sind, wird offen gelassen. © rme/hil/aerzteblatt.de

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