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Medizin

Leukämie: HIV-artige Viren helfen beim Heilversuch

Montag, 10. Dezember 2012

dpa

Philadelphia – US-Mediziner haben ein neues Verfahren zur Behandlung von B-Zell-Leukämien entwickelt: T-Zellen des Patienten werden mit Hilfe von Retroviren modifiziert und nach der Re-Infusion auf Tumorzellen angesetzt. Der begleitende Zytokinsturm wird mit Hilfe eines Rheumamedikaments gebändigt. Bislang wurden 12 Patienten behandelt, darunter 2 Kinder. Die Ergebnisse wurden jetzt auf Jahrestagung der American Society of Hematology in Atlanta vorgestellt.

So funktioniert die adoptive T-Zell-Immuntherapie, die das Team um Carl June von der Perelman School of Medicine in Philadelphia entwickelt hat: Im ersten Schritt werden per Apherese T-Zellen aus dem peripheren Blut des Patienten gewonnen. Das Erbgut der Zellen wird dann mit Hilfe von Retroviren modifiziert. Die Forscher verwenden dabei ein Lentivirus, das wie das HI-Virus gezielt T-Zellen infiziert. Die Viren dienen als Genfähre. Sie liefern zum einen das Gen für einen chimärischen Antigen-Rezeptor (CAR), der dann von den Z-Zellen auf der Oberfläche exprimiert wird. Der CAR wurde so gewählt, dass er das Antigen CD19 erkennt, das nur auf der Oberfläche von B-Zellen vorhanden ist. Außerdem wurden die Zellen mit Genen versehen, die die Immunreaktion durch Freisetzung von Zytokinen verstärken.

Im nächsten Schritt werden die modifizierten Zellen in den Körper zurück infundiert. Die Patienten hatten zuvor eine zytoreduktive Chemotherapie erhalten, die die Zahl der Abwehrzellen senkt. Der Freiraum wird von den modifizierten T-Zellen eingenommen. Diese rekrutieren durch Freisetzung von Zytokinen andere Immunzellen und lösen dadurch eine gegen die B-Zellen gerichtete Immunreaktion aus.

Die Therapie kann bei allen Tumoren verwendet werden, die durch Proliferation von B-Zellen entstehen. Dazu zählt die chronisch lymphatische Leukämie (CLL), bei der die Onkologen die ersten Heilversuche unternahmen. Über den ersten Patienten hatten sie im August letzten Jahres im New England Journal of Medicine (2011; 365: 725-33) berichtet. Inzwischen sind elf weitere Patienten hinzugekommen, darunter auch zwei Kinder mit einer akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL), die ebenfalls von B-Zellen ausgehen kann.

Da es sich um einen Heilversuch handelt, wurden Patienten ausgewählt, bei denen andere Therapien versagt hatten und eine Knochenmarktransplantation nicht möglich waren. Bei allen Patienten überlebten die Z-Zellen nach der Re-Infusion und vermehrten sich. Es kam zu einer signifikanten T-Zell-Expansion – teilweise um den Faktor 1.000 – und einer Immunreaktion, deren Heftigkeit die Mediziner unterschätzt hatten.

Über die Patienten brach ein regelrechter Zytokinsturm (Cytokine Release Syndrome, CRS) herein sowie eine Überaktivierung der Immunsystems (Macrophage Activation Syndrome, MAS), die das Leben der Patienten akut gefährdete. Diese erkrankten mit hohem Fieber (teils über 40 Grad) sowie Nausea und Anorexie und drohten mit Hypoxie und Blutdruckabfall in einen Schockzustand zu rauschen. Bei einigen Patienten mussten die Mediziner den Zytokinsturm durch die Gabe von Tocilizumab auffangen. Dieser 2009 auch in Deutschland eingeführte monoklonale Antikörper bindet das Zytokin Interleukin 6, der für die Rekrutierung weiterer Immunzellen verantwortlich war.

Wie die Gruppe in Atlanta berichtet, wurde bei 4 von 9 auswertbaren Patienten eine komplette Remission erzielt, bei zwei weiteren kam es zu einer partiellen Remission über einen Zeitraum von 3 und 5 Monaten. Die übrigen 3 Patienten sprachen nicht auf die Therapie an. Es gab keine therapiebedingten Todesfälle. Das Team schätzt aber vorsichtshalber die therapiebedingte Letalität auf 20 Prozent ein.

Die Behandlung kommt deshalb vorerst nur für Patienten infrage, bei denen eine Knochenmarktransplantation mangels Spender nicht infrage kommt oder aufgrund eines hohen Lebensalters zu gefährlich wäre. Da die T-Zellen langfristig im Körper überleben und auch gesunde B-Zellen zerstören, ist langfristig mit einem erhöhten Infektionsrisiko zu rechnen. Der Hersteller Novartis hat inzwischen die Rechte an der Therapie erworben und will dem Vernehmen nach 10 Millionen US-Dollar in die Einrichtung eines Therapiezentrums investieren. © rme/aerzteblatt.de

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