NewsMedizinSchleudertrauma: Beratung und Physiotherapie wenig wirksam
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schleudertrauma: Beratung und Physiotherapie wenig wirksam

Freitag, 21. Dezember 2012

dpa

Warwick – Patienten mit einem Schleudertrauma der Halswirbelsäule können mit ausreichenden Schmerzmitteln und der Versicherung, dass die Erkrankung trotz der heftigen Schmerzen harmlos ist, nach Hause entlassen werden. Eine intensive Beratung auf der Notfallaufnahme hat sich in einer randomisierten Studie im Lancet (2012; doi: 10.1016/S0140-6736(12)61304-X) als nutzlos erwiesen. Auch ein Physiotherapie-Paket erzielte bei Patienten mit anhaltenden Beschwerden nur eine begrenzte Wirkung.

Ein Schleudertrauma ist äußerst schmerzhaft und die Schonhaltung der Patienten schreit förmlich nach der Verordnung einer Halskrause. Doch wie bei Schmerzen im unteren Rücken kann eine Immobilisierung schnell zu einer Chronifizierung der Schmerzen führen. Die Tendenz geht deshalb dahin, die Patienten ausreichend mit Analgetika zu versorgen und ihnen eine möglichst rasche Wiederaufnahme des normalen Tagesablaufs zu empfehlen.

Anzeige

Die Erfahrung zeigt allerdings, dass viele Patienten lange an Nackenschmerzen, Schwindel und anderen Folgen des Schleudertraumas laborieren. In der „Managing Injuries of the Neck Trial“ oder MINT-Studie wurde deshalb untersucht, ob eine aktive Beratung der Patienten und eine Physiotherapie die Ergebnisse verbessern.

Für den ersten Teil der Studie wurde das Personal in einigen Notfallambulanzen darin geschult, die Patienten besser von der guten Prognose eines Schleudertraumas zu überzeugen und sie zu Übungen und zu einer frühen Wiederaufnahme ihre normalen Tätigkeit zu ermuntern. Die Patienten erhielten einen Ratgeber (The Whiplash Book), der die Erkrankung „entmystifizieren“ soll. Eine zweite Gruppe von Notfallambulanzen behandelte die Patienten wie zuvor.

Wie Sarah Lamb von der Universität Warwick berichtet, haben sich die Mühen der Notfallmediziner nicht ausgezahlt. Die 3.851 Patienten erholten sich mit und ohne Beratung gleich gut – oder auch gleich schlecht. In beiden Gruppen kam es zu einer signifikanten Verbesserung im Neck disability Index, doch ein Viertel der Patienten – in beiden Gruppen - klagte auch nach einem Jahr noch darüber, dass sich die Beschwer­den nicht verbessert oder sogar noch verschlechtert hätten.

Insgesamt 599 Patienten mit persistierenden Symptomen wurden im zweiten Teil der Studie auf eine Beratung oder auf ein Physiotherapie-Paket aus mehreren Sitzungen randomisiert. Auch hier waren die Ergebnisse ernüchternd, wie Lamb berichtet. Die intensive Physiotherapie erzielte zwar anfangs eine gewisse Wirkung. Nach einem Jahr gab es jedoch keine Unterschiede mehr.

Für Lamb stehen die zusätzlichen Kosten für die aktive Beratung und die intensive Physiotherapie in keinem günstigen Verhältnis zum Ergebnis. Sie spricht sich deshalb dafür aus, die Patienten ohne intensive Beratung aus der Notfallambulanz zu entlassen und die Physiotherapie später auf eine einzelne Sitzung zu beschränken.

Der Kommentator Robert Ferrari von der Universität in Edmonton im kanadischen Teilstaat Alberta meint, dass die gesellschaftlichen und persönlichen „Erwartungen“ der Patienten ein Teil des Problems sind. Er erinnert an die Erfahrungen des Staates Saskatchewan, der 1995 die staatliche Versicherung von der Zahlung von Schmerzens­geld nach Verkehrsunfällen entbunden hat.

Prompt kam es zu einem Rückgang der Erkrankungszahlen und zur schnelleren Erholung der Patienten (NEJM 2000; 342: 1179-86). In einer anderen Studie, ebenfalls aus Kanada, kam heraus, dass Patienten, die nach einem Verkehrsunfall eine rasche Besserung ihrer Symptome erwarteten, sich auch schneller von ihrem Schleudertrauma erholten. Patienten, die eine Chronifizierung befürchteten, erlebten sie auch häufiger (J Rheumatol 2009; 36: 1063-1070).

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #690148
Jayci
am Mittwoch, 10. September 2014, 10:40

Sekundärermir Krankheitsgewinn nicht unterschätzen

Vor 25 Jahren hatte ich - leider schuldlos - einen Unfall mit Schleudertrauma. Ich hatte damals kleine Kinder zu versorgen und war als Taxiunternehmerin selbständig. Deshalb wollte ich so schnell wie möglich wieder gesund werden. Ich sah keinen "möglichen sekundären Krankheitsgewinn", wohl aber die Ärzte. Diese Immer wiederholte Warnung spukt so sehr in deren Köpfen herum, dass sie den Schilderungen ihrer Patientinnen oft kaum noch Glauben schenken. Als ich das schließlich begriffen hatte, verzichtete ich lieber auf einen Rentenantrag und weitergehende Schadenersatzforderungen. Das hat mir jedoch auch nicht weitergeholfen. Ich habe schließlich über drei Jahre warten müssen, bis die mir zugesagte Wiederherstellung meiner Gesundheit einigermaßen eingetreten war. Die Qualen aufgrund des weitgehend ohne medizinische Hilfe durchlittenen -nachträglich betrachtet wohl ziemlich schwere - Schleudertrauma und durch die traumatisch wirkenden kränkenden Unterstellungen der Ärzte habe ich solchen "Lehrmeinungen" zu verdanken. Liebe Mediziner, kümmert Euch lieber um die Probleme von untypischen Schleudertraumen, anstatt Eure Patienten schon von vornherein zu verunglimpfen und damit einzuschüchtern!
Avatar #645735
chinamed
am Sonntag, 3. November 2013, 15:33

sekundärer Krankheitsgewinn nicht zu unterschätzen

Zitat: "Die intensive Physiotherapie erzielte zwar anfangs eine gewisse Wirkung. Nach einem Jahr gab es jedoch keine Unterschiede mehr."
Wer eine Entschädigungszahlung von der Versicherung erstreiten will, wird schon aus diesem Grund nicht gesund werden. Das sollte bei solchen Untersuchungen mit einbezogen werden.
Avatar #661020
ms-physio
am Freitag, 18. Januar 2013, 18:15

Eulenspiegel

Wenn eine traumatische Verletzung vorliegt, ist eine sofortige Behandlung mit Physiotherapie (Lyhmphdrainage und schmerzfreie Manuelle Therapie) sehr Erfolgreich! Studie hin oder her!
LNS
LNS
NEWSLETTER