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Adiposi­tas-Paradoxon: Übergewicht senkt Sterblichkeit – ein wenig

Mittwoch, 2. Januar 2013

dpa

Hyattsville – Übergewicht ist zwar ein Risikofaktor für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dennoch haben übergewichtige Menschen ein vermindertes Sterberisiko. Dies zeigt jetzt erneut eine Meta-Analyse im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2013; 309: 71-82).

Mit 97 zugrunde gelegten Studien und 2,88 Millionen Teilnehmern ist die Meta-Analyse von Katherine Flegal die bisher umfangreichste Untersuchung über den Einfluss des Body-Mass-Index (BMI) auf die Sterberate. Und wie in etlichen früheren Untersuchungen kommt auch die Forscherin des US-National Center for Health Statistics (CDC) in Hyattsville, Maryland zu dem paradoxen Ergebnis, dass Übergewichtige (BMI 25-29,9) eine niedrigere Sterblichkeit haben als Normalgewichtige (BMJ 18,5-25,9).

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Flegal ermittelte eine Hazard Ratio von 0,94, also eine Reduktion um 6 Prozent, ein geringer und in seiner klinischen Relevanz sicher fraglicher Unterschied, der dank der großen Datenmenge jedoch statistisch signifikant ist. Selbst für Menschen mit einer Grad I-Adipositas vom (BMI 30-34,9) zeigen die Daten noch ein um 5 Prozent vermindertes Sterberisiko, das jedoch das Signifikanzniveau verfehlte. Erst Menschen mit Grad II/III-Adipositas (BMI 35 und höher) haben ein sicher erhöhtes Sterberisiko, das bei einer Hazard Ratio von 1,29 auch deutlich ausfällt.

Zu ähnlichen Ergebnissen war Flegal bereits in einer früheren Untersuchung gekommen, die auf den Daten der National Health and Nutrition Examination Survey beruhte, einer regelmäßigen Querschnittsuntersuchung der CDC (JAMA 2005; 293: 1861-7). Aber auch andere Forscher sind auf das Adipositas-Paradoxon gestoßen.

Im letzten Jahr wurde es sogar für Typ 2-Diabetiker belegt (JAMA 2012; 308: 581-590), die sich besonders häufig anhören müssen, dass ihr selbstverschuldetes Übergewicht und der Bewegungsmangel die eigentlichen Ursachen ihrer Erkrankung sind. Tatsächlich ist die viszerale Adipositas ein etablierter Risikofaktor für den Typ 2-Diabetes mellitus wie auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch offensichtlich scheint der gleiche Faktor, wenn es dann zur Erkrankung gekommen ist, deren Folgen wieder abzumildern.

Kardioprotektive metabolische Effekte sind für Flegal mögliche Erklärungen für die paradoxen Zusammenhänge. Vielleicht würden aber auch adipöse Menschen medizinisch besser betreut. Nach dieser Theorie erregt der Risikofaktor Übergewicht den Verdacht der Ärzte. Medizinische Tests führen dann zu einer vergleichsweise frühen Diagnose und einer optimalen Therapie.

Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter: Eine systematische Übersicht

Die Mehrheit der Deutschen gilt als zumindest übergewichtig (Body-Mass-Index [BMI] ≥ 25 bis 29,9 kg/m2), etwa 20 Prozent sind adipös (BMI ≥ 30 kg/m2) – mit geschlechts- und altersbezogenen Unterschieden (e1).

Aufgrund der hohen Aufmerksamkeit, der sich derartige Studien sicher sein können, ist auch ein Publikations-Bias denkbar: Mit einer selektiven Veröffentlichung von Studienergebnissen, die das Adipositas-Paradoxon unterstützen. Es könnte aber auch sein, dass der BMI ganz einfach nicht der richtige Parameter ist, um das Übergewicht zu bewerten.

Künftige Analysen sollten deshalb die Taillenweite, vielleicht aber auch Laborparameter einer systemischen Entzündung (CRP) berücksichtigen, schreiben die Editorialisten Steven Heymsfield und William Cefalu vom Pennington Biomedical Research Center in Baton Rouge/Louisiana. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 3. Januar 2013, 22:30

Mega-Meta ist nicht besser!

Auch eine Mega-Meta-Analyse mit 2,88 Millionen Teilnehmern entwickelt bei unzureichender Hypothesenbildung und mangelhafter Reflexion möglicher "Bias" (Fehlannahmen) keinerlei relevante Aussagekraft. Lediglich geringfügig Übergewichtige hatten einen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber Normgewichtigen. Jedoch wird dieser virtuelle Vorteil allein dadurch aufgezehrt, dass konsumierende Erkrankungen wie COPD, Herzinsuffizienz, Tumorleiden, aber auch präfinale Zustände aller Altersstufen in ihren fortgeschrittenen Stadien einen katabolen Stoffwechsel aufweisen. Dies wiederum führt zu einer statistisch verzerrenden E r h ö h u n g der Mortalität in der Population der noch normgewichtigen Patienten gegenüber den vergleichsweise moderat Übergewichtigen mit anabolem Stoffwechsel.

Der in dieser US-Studie verwendete "cut-off" eines BMI von größer oder gleich 18,5 entspricht bei einer Größe von 180 cm nur noch 59 kg Körpergewicht. Dies ist beim üblichen Ernährungsverhalten in den USA eine krasse Fehleinschätzung und eher ein Indiz für eine krankheitsbedingte Kachexie mit erhöhtem Mortalitätsrisiko. Die Gleichung "schlank gleich gesund" gilt für Gesunde, nicht für kranke Schlanke. Und auch nach dieser gewaltigen Meta-Analyse bleiben Übergewichtige nur dann länger am Leben, wenn sie gesund bleiben und nicht als Kranke dekompensieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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