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Medizin

Adoptive Immuntherapie: „Verjüngte“ T-Zellen sollen HIV und Krebszellen angreifen

Freitag, 4. Januar 2013

Mikroskopische Aufnahme von T-iPSCs /Nishimura et al., Cell Stem Cell

Tokio/Yokohama – Japanische Forscher haben zytotoxische T-Zellen im Labor zunächst in Stammzellen „verjüngt“ und diese dann auf den Angriff von HI-Viren und Melanom­zellen getrimmt. Ob diese neue Variante der adoptiven Immuntherapie im klinischen Einsatz sicher und effektiv wäre, lässt sich schwer vorhersagen.

Zytotoxische T-Zellen sind im Immunsystem für die Erkennung und Vernichtung von Körperzellen zuständig, die durch Viren infiziert sind oder sich in Tumorzellen verwandelt haben. Sie erkennen diese Zellen an bestimmten Oberflächenmerkmalen, Antigene oder Epitope genannt. Als Sensor dient der T-Zell-Rezeptor. Die adoptive Immuntherapie versucht, diese körpereigene Immunabwehr zu stärken. Das Konzept wurde von Stephen Rosenberg vom US-National Cancer in den 80er Jahren entwickelt.

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Rosenberg isolierte T-Zellen aus dem Blut der Patienten und expandierte sie im Labor mit dem „T-Zell-Wachstumsfaktor“ Interleukin 2. Nach Re-Infusion der Zellen kam es zu einer verstärkten Immunantwort auf Nierenzellkarzinom und Melanom. Die T-Zellen griffen aber auch andere Zellen des Körpers an. Die Therapie erwies sich als äußerst toxisch und wurde später wieder verlassen. Überlebt hat als eine Variante die Infusionstherapie mit Interleukin-2, die die T-Zell-Antwort innerhalb des Körpers verstärkt. Als Aldesleukin ist Interleukin 2 zur Therapie des metastasierenden Nierenkarzinoms zugelassen, wo es aber nur eine begrenzte Wirkung erzielt.

Ein Grund für die Erfolglosigkeit der adoptiven Immuntherapie war nach Einschätzung von Hiroshi Kawamoto vom Forschungszentrum RIKEN in Yokohama die begrenzte Lebenszeit spezialisierter T-Zellen. Um die Lebensspanne zu verlängert hat sein Team die T-Zellen zunächst in Stammzellen umprogrammiert – wobei sie die Technik des letztjährigen Nobelpreisträgers Shin'ya Yamanaka verwendeten – und diese dann erneut in T-Zellen differenziert. Als Ausgangsmaterial wählte Kawamoto T-Zellen, die das Antigen MART-1 erkennen, das ausschließlich von Melanom-Zellen exprimiert wird.

Interessanterweise behielten die reprogrammierten Zellen die Fähigkeit MART-1 zu erkennen. Sie könnten deshalb zur adoptiven Immuntherapie genutzt werden, möglicherweise mit besseren Ergebnissen als die bisherigen Versuche. Der neue Ansatz befindet sich allerdings noch in einem sehr frühen Stadium. Nach der Publikation in Cell Stem Cell (2013; 12: 31-38) zu urteilen, wurden noch keine Therapieversuche (auch nicht an Labortieren) durchgeführt. Damit bleibt die Frage nach Sicherheit und Wirkung unbeantwortet. Kawamoto kündigte jedoch an, die Therapie in „nicht zu ferner Zukunft“ bei Krebspatienten anwenden zu wollen.

Hiromitsu Nakauchi von der Universität Tokio hat ein ähnliches Konzept für die Behandlung der HIV-Infektion entwickelt. Sein Team isolierte T-Zellen aus dem Blut eines HIV-Infizierten, die dann im Labor „verjüngt“ wurden. Die Zellen verfügten über verlängerte Telomere, die Nakauchi auf eine höhere Überlebenszeit nach der Re-Infusion in den Körper hoffen lässt. Die ebenfalls in Cell Stem Cell (2013; 12: 116-128) publizierten Ergebnisse sind jedoch wie bei seinem Kollegen Kawamoto weit von einer klinischen Anwendung entfernt.

Einen Zusatznutzen zur antiretroviralen Therapie hätten sie ohnehin nur, wenn sie die latenten Virusreservoire ausschalten könnten. Auch hier käme es wohl auf einen Versuch an, der aber noch auf sich warten lassen dürfte. Vor ersten experimentellen Studien sind noch biologische und technische Hürden zu meisten, schreibt Nakauchi.

Aus biologischen Gründen sollten die Möglichkeiten der adoptiven Immuntherapie nicht überschätzt werden. Sie kann nur funktionieren, wenn die Krebszellen das gewünschte Antigen exprimieren. Aufgrund der hohen Mutationsrate von Krebszellen kann es schnell zur Selektion von Tumorzellen kommen, die das das Antigen nicht mehr erkennen kann. Früher oder später dürfte es deshalb zu einer Resistenz kommen. © rme/aerzteblatt.de

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