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Politik

Ethikrat-Chefin warnt vor Selektion von Embryonen nach Geschlecht

Freitag, 4. Januar 2013

Bonn – Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Christiane Woopen, hat vor einem Missbrauch der Präimplantationsdiagnostik (PID) bei der Auswahl des Geschlechts der Kinder gewarnt. Es gebe auch in Europa Fälle, bei denen Paare eine genetische Untersuchung von im Reagenzglas erzeugten Embryonen dazu nutzten, um das Geschlecht des Kindes gezielt zu bestimmen, sagte die Kölner Wissenschaftlerin dem Bonner General-Anzeiger vom Freitag.

Besorgt zeigte sich die Professorin für Ethik in der Medizin, dass die PID in Deutschland nicht restriktiv genug angewendet wird. „Wir müssen dafür sorgen, dass die PID eine Ausnahme bleibt“, sagte sie.

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Dazu müsse die Zahl der PID-Zentren auf maximal drei begrenzt bleiben. Die PID ist in Deutschland seit 2011 eingeschränkt zugelassen. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hatte zuletzt eine Verordnung vorgelegt, die nach Meinung von Kritikern die Zahl der PID-Zentren nicht begrenzt und deshalb zu einer Ausweitung der genetischen Tests an Embryonen führen könnte. Der Bundesrat muss dieser Verordnung noch zustimmen.

Woopen äußerte sich zu Berichten des UN-Entwicklungsprogramms UNDP, nach denen es auch in europäischen Ländern wie Albanien, Montenegro, dem Kosovo oder Mazedonien vermehrt eine gezielte Tötung von weiblichen Embryonen gebe. „Die Auswahl des Geschlechts halte ich für problematisch“, sagte die Wissenschaftlerin. „Meine persönliche Meinung ist, dass Kinder ein Geschenk sind, das man annimmt.“

Nach Darstellung der Ethikrats-Chefin sind 105 Jungengeburten auf 100 Mädchengeburten normal. Wenn Länder aber über Jahre 112 bis 120 Jungengeburten auf 100 Mädchen aufwiesen, könne das wie gegenwärtig in Indien oder China zu sozialen Spannungen oder Gewalt gegen Frauen führen.

  • Belgien

    In Belgien ist PID in engen Grenzen erlaubt. Das Gesetz von 2003 regelt die Beschränkungen. So darf eine Selektion nur hinsichtlich „pathologischer genetischer Merkmale“ erfolgen. 

    China

    In der Volksrepublik existiert kein entsprechendes Gesetz. Bekanntmachungen regeln das Verfahren. PID ist bei „Gefahr besonders gravierender Schädigung der Nachkommenschaft“ zulässig.

  • Dänemark

    Die gesetzliche Regelung zu PID wurde zuletzt 2004 geändert, dabei wurden die Anwendungsbereiche ausgeweitet. Seitdem ist es zulässig, künstlich gewonnene Embryonen in einer Weise zu selektieren, um „geeignete Spendergeschwister“ für bereits todkrank geborene Kinder zu erzeugen. Außerdem ist PID bei unfruchtbaren Frauen zulässig, um „schwerwiegende Anomalien aufzudecken“.

  • Frankreich

    Durch ein Gesetz aus dem Jahr 2004 ist PID in streng begrenzten Ausnahmefällen zugelassen. Die Durchführung erfolgt in speziellen Zentren der Pränataldiagnostik und nach Expertise durch eine spezielle Kommission. Das betroffene Paar wird umfassend beraten. PID ist auch zur Erzeugung eines geeigneten Geschwisterkindes bei todkrankem bereits geborenem Kind zulässig.

    Griechenland

    PID ist nach einem Gesetz aus dem Jahr 2005 zulässig. Die Einrichtungen, die PID durchführen, brauchen dafür eine Genehmigung.

  • Großbritannien

    Im Vereinigten Königreich herrscht eine weitgehend liberale Haltung zu PID. Die Embryonenselektion ist bis 14 Tage nach der Befruchtung zulässig. Sie soll dazu dienen, schwere Krankheiten und Chromosomendefekte aufzuspüren. Zur Geschlechtswahl ist sie bisher nicht zugelassen, doch auch dabei gilt, dass bei geschlechtsgebundenen Krankheiten Ausnahmen gemacht werden. Auch der Anwendungsbereich Stammzelltherapie bei erkrankten Geschwistern ist in Großbritannien zulässig. Über die PID wacht eine eigene Behörde, der eine freizügige Haltung nachgesagt wird.

  • Italien

    Die PID ist nach einem Gesetz von 2004 streng begrenzt. Künstliche Befruchtung und Gentests an Embryonen stehen nur Paaren offen, die unfruchtbar sind oder wenn der männliche Partner an einer Infektion mit dem HI-Virus oder Hepatitis B und C leidet.

    Japan

    Durch ein Gesetz von 2001 ist PID sehr eingeschränkt zulässig.

  • Niederlande

    Durch Gesetz von 2002 wurde die Geschlechterbestimmung bei der Gendiagnostik verboten. Darüber hinaus fehlt eine gesetzliche Regelung. 

    Norwegen

    PID ist zulässig bei in einem Katalog aufgelisteten unheilbaren Erbkrankheiten. Die Geschlechterbestimmung ist in Ausnahmefällen gestattet. Für die Geschwisterkind-Wahl ist eine Ausnahmegenehmigung erforderlich.

  • Österreich

    PID ist per Gesetz verboten. Das Fortpflanzungsmedizingesetz regelt den erlaubten Umfang der Untersuchungen von entwicklungsfähigen Zellen. Diese sind nur gestattet, wenn sie zur Herbeiführung einer Schwangerschaft erforderlich sind.

  • Polen 

    In Polen wird PID ohne gesetzliche Regelung weithin praktiziert. Derzeit gibt es Streit um ein Fortpflanzungsmedizingesetz.

    Portugal 

    PID ist zulässig. Eine gesetzliche Regelung fehlt.

  • Schweden

    Durch eine Richtlinie ist in Schweden die PID zulässig und geregelt. 

  • Schweiz

    Durch eine gesetzliche Regelung aus dem Jahr 1998 ist PID generell verboten. Die Nationale Ethikkommission hat allerdings kürzlich mehrheitlich entschieden, „eine Zulassung innerhalb eines genau definierten Rahmens“ erlauben zu wollen, etwa, wenn ein Paar genetische Risiken für eine schwere Krankheit aufweist.

    Spanien

    Die Embryonenselektion nach PID ist weitgehend zulässig.

  • USA

    In den USA wird die PID bereits seit Anfang der 90er Jahre praktiziert. Einschränkungen gibt es lediglich in wenigen Bundesstaaten. Eine nationale Regelung fehlt. Die konkrete Ausgestaltung der Praxis unterliegt fast ausschließlich der freiwilligen Selbstkontrolle der Mediziner. Auch die Nutzung der PID für individuelle Wünsche wie die Wahl des Geschlechts wird weitgehend als legitim anerkannt. 

    Quelle: kna/Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg sowie Angaben des "Büros für Technologiefolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag" (TAB) 2012

Woopen äußerte sich auch zu neuen genetischen Tests, bei denen mütterliches Blut zur Feststellung eines Down-Syndroms untersucht wird. „Ich halte die gezielte Suche ausschließlich nach dem Down-Syndrom für problematisch“, sagte sie. Denn dabei gehe es nicht um Heilung oder medizinische Versorgung, sondern darum, ob die Frau abtreibt. © kna/aerzteblatt.de

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