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Politik

Streit über Konsequenzen aus Organspendeskandal

Montag, 7. Januar 2013

dpa

Berlin – Trotz des jüngsten Organspendenskandals am Uniklinikum Leipzig verteidigt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) die deutsche Organspendepraxis. „Deutschland hat die strengsten Regeln, so dass Organe ausschließlich nach medizinischen Kriterien vergeben werden dürfen. Und das ist gut so!“, sagte Bahr der Bild-Zeitung vom Montag. Zugleich warb der Minister um Vertrauen. „Ich denke an die 12.000 Menschen, die dringend auf ein Organ warten. Wenn mehr mitmachen, müssen weniger warten.“

Am Wochenende hatten Politiker und Vertreter aus der Ärzteschaft ein grundsätzliches Umdenken bei der Organspende-Praxis gefordert. Laut einer Umfrage der Bild am Sonntag lehnen inzwischen rund 37 Prozent der Bundesbürger eine Organspende ab. Das entspreche einer Steigerung um drei Prozentpunkte im Vergleich zum August 2012, hieß es.

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Der Interimsvorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Rainer Hess, beklagte Fehlanreize im System und verlangte eine bessere Qualitätssicherung. Unter­dessen wird der Ruf nach einer Schließung von Transplantationszentren lauter.

Am Dienstag war bekannt geworden, dass Ärzte der Uniklinik Leipzig zwischen 2010 und 2012 Krankenakten von mindestens 38 Patienten manipuliert haben, um sie auf der Warteliste für Organe nach oben rutschen zu lassen.

Hess gab zu bedenken, es gehe weniger um die kriminelle Energie Einzelner. Die Verantwortung liege vielmehr bei den Klinikverwaltungen und einem Finanzierungs­system, „das unmedizinisches Verhalten fördert und Fehlanreize setzt“, sagte er dem Spiegel. „Wir dürfen den Ärzten keine Vorgaben auferlegen, die sich überwiegend an ökonomischen Zielen orientieren und mit Medizin nicht mehr viel zu tun haben“, mahnte Hess.

Chirurgie-Gesellschaft für Reduzierung der Transplantationszentren
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bekräftigte unterdessen ihre Forderung nach weniger Transplantationszentren. „Qualität lässt sich so steigern, Konkurrenz minimieren und Aufsicht erleichtern“, sagte Vorstand Eugen Brysch in Dortmund. Es sei nicht sinnvoll, dass es in einigen Städten bis zu drei Transplantationszentren gebe. Für eine Verschlankung brauche es kein Gesetz, „sondern nur den Willen für politisches Han­deln“. Den könne er allerdings weder bei Bahr noch in den Ländern erkennen. „Wir fordern einen bundesweit zu entwickelnden Masterplan, der alle Aspekte im Blick hat“, betonte Brysch.

Dieser Forderung schloss sich am Wochenende auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie an. Deren Präsident Karl-Walter Jauch plädierte im Focus dafür, jedes zweite Zentrum für Lebertransplantationen in Deutschland zu schließen. Der Wettbewerb zwischen den zurzeit 24 Zentren wirke sich negativ aus, sagte er und fügte hinzu: „Die Ergebnisqualität der Lebertransplantation in Deutschland liegt weit unter dem international akzeptierten Standard.“

Hess hält die Schließung von Transplantationszentren hingegen für schwer umsetzbar. Er würde jeder Klinik zunächst die Chance geben, Organe zu transplantieren: „Wenn sich das dann nicht rechnet, müssen die Länder natürlich überlegen, Zentren zusammen­zulegen.“

Hoher wirtschaftlicher Druck
Jauch kritisierte zudem die wirtschaftlichen Anreize für Mediziner. In der Chirurgie würden viele Patienten „unnötigerweise operiert“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Hinter­grund dafür sei der Konkurrenzdruck. Der hohe Wettbewerb in der Transplantations­chirurgie führe sogar zu schlechteren Ergebnissen, betonte Jauch.

Unter Berufung auf Daten des amerikanischen Spende- und Transplantations-Registers „Unos“ sagte er, die Überlebensrate nach der Transplantation sinke. Während in Zentren mit niedrigem Wettbewerb fünf Jahre nach der Operation noch 75 Prozent der Patienten lebten, seien es in denen mit hohem Wettbewerb nur 65 Prozent. © dapd/kna/afp/aerzteblatt.de

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