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Medizin

Logisches Denken wird überschätzt

Freitag, 11. Januar 2013

Berlin – Kausalitätsurteile bei aufeinanderfolgenden visuellen Ereignissen – zum Beispiel „die Hand hat das Glas umgestoßen“ – entstehen offenbar bereits beim grundlegenden Sehprozess ohne Beteiligung von höheren kognitiven Vorgängen. Das berichtet ein internationales Team von Wissenschaftlern in der Zeitschrift Current Biology (doi: 10.1016/j.cub.2012.12.017). Sie zeigen, dass beim wiederholten Betrachten von kausalen Zusammenhängen ein ähnlicher Gewöhnungseffekt eintritt wie bei der Wahrnehmung der Größe, Farbe oder Distanz eines Objektes.

Die Hand stößt ans Glas, es fällt um und die Milch ergießt sich über den Küchentisch. Für den Beobachter ist sofort klar: Das ungeschickte Berühren des Milchglases mit der Hand hat das Malheur bewirkt. Bislang waren sich Wissenschaftler uneins darüber, ob höhere Gehirnprozesse wie logisches Schlussfolgern dieses Kausalitätsurteil begründen oder ob das Urteil bereits bei der Sinneswahrnehmung entsteht, ähnlich der Ein­schätzung von Größe, Distanz oder Bewegung eines Objektes.

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Die internationale Forschergruppe um Martin Rolfs vom Bernstein Zentrum der Humboldt-Universität Berlin, Michael Dambacher an der Universität Konstanz und Patrick Cavanagh an der Universität Paris Descartes hat nun die Antwort auf diese Frage gefunden: Schnelle Kausalitätsurteile werden bereits auf der Stufe der einfachen visuellen Wahrnehmung gefällt.

Für die Untersuchung schauten Probanden wiederholt einen Animationsfilm an, in dem sich eine Scheibe auf eine andere zubewegt und letztere sich nach einer Berührung in Bewegung setzt. Anstatt die erste Scheibe anhalten und danach die nächste Scheibe anrollen zu sehen, werden beide Vorgänge als eine kontinuierliche Handlung wahrgenommen, bei der die erste Scheibe die zweite ins Rollen bringt – ähnlich zweier kollidierender Billardkugeln.

Rolfs und seine Kollegen zeigten nun, dass beim mehrfachen Beobachten von Scheiben-Kollisions-Szenen eine Gewöhnung eintritt: Die Probanden schätzten spätere Berührungen der Scheiben weniger häufig als Grund für die Bewegung der zweiten Scheibe ein.

Die Gewöhnung an Kollisionsereignisse trat dabei nur an den Stellen auf, an denen die Kollisionen betrachtet wurden. Wenn die Augen sich bewegten, bewegten sich die adaptierten Stellen mit, ähnlich wie ein Farbnachbild sich verschiebt, wenn die Augen sich bewegen.

Den Wissenschaftlern zufolge zeigen diese Ergebnisse, dass die an der Kausalitäts­bewertung beteiligten neuronalen Strukturen im frühen Sehprozess angesiedelt sein müssen, da höhere kognitive Prozesse nicht von der Augenposition beeinflusst würden. „Das Forschungsergebnis verlagert Funktionen die bisher für Leistungen kognitiven Denkens gehalten wurden in den Bereich der einfachen Wahrnehmung und hat daher Auswirkungen auf verschiedenste Gebiete wie Philosophie, Psychologie, und Robotertechnik“, so Studienleiter Rolfs. © hil/aerzteblatt.de

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klausenwächter
am Freitag, 11. Januar 2013, 14:21

Adaptives Lernen steht vor der logischen Analyse

Der Versuchsaufbau prüfte nicht, welche logischen Schlußfolgerungen die Probanden formulierten. Es wurde adaptives Lernen beobachtet. Auf retinaler Ebene findet eine Selektion der Wahrnehmung statt bevor kortikale Analysen tätig werden. Dies ist sinnesphysiologisch zweckmäßig.

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