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Medizin

Kein Krebsrisiko durch Fol­säure-Substitution

Freitag, 25. Januar 2013

Oxford – Die Substitution mit Folsäure führt auch in Dosierungen, die weit höher sind als bei der vorgeschlagenen Anreicherung von Getreide erreichbar, nicht zu einem signifikanten Anstieg der Krebsrate. Dies kam in einer Meta-Analyse im Lancet (2013; doi: 10.1016/S0140-6736(12)62001-7) heraus, die aber nicht alle Zweifel beseitigt.

Theoretisch könnte Folsäure das Krebswachstum fördern oder aber eine Krebsent­stehung verhindern. Beides hängt mit der Beteiligung des B-Vitamins an der de-novo-Synthese von Thymidin, Adenin und Guanin zusammen. Das sind drei der vier Nuklein­basen, den Bausteinen der Erbsubstanz. Bei Krebserkrankungen ist infolge der vielen Zellteilungen der Bedarf an den Nukleinbasen und damit an Folsäure erhöht.

Das Vitamin könnte deshalb das Tumorwachstum fördern. Auf der anderen Seite könnte ein Mangel an Folsäure die Entstehung von Krebserkrankungen begünstigen, wenn Nachschubprobleme eine Reparatur von DNA-Schäden verhindern. Statt Thymidin würde dann vielleicht Uracil in die Erbsubstanz eingebaut, schreibt Cornelia Ulrich vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zusammen mit ihrem US-Kollegen Joshua Miller, New Brunswick, in einem Kommentar (Lancet 2013; doi: 10.1016/S0140-6736(13)60110-5).

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Klären können dies nur epidemiologische oder besser noch randomisierte klinische Studien. Epidemiologische Studien haben in den letzten Jahren eher Verwirrung gestiftet. So beobachtete Joel Mason von der Tufts University in Boston, dass es nach der Einführung der Folsäureanreicherung in den USA (1996) und Kanada (1997) zu einem Anstieg der Darmkrebsrate kam.

Dies könnte zu 4 bis 6 zusätzlichen Darmkrebserkrankungen auf 100.000 Personen geführt haben, rechnete der Forscher vor (Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2007 16; 1325-1329). Dieser Anstieg sei zu früh eingetreten, um biologisch plausibel zu sein, meinten Kritiker, außerdem habe sich der langjährige Trend zu weniger Darmkrebs­erkrankungen in den beiden Ländern wenige Jahre später fortgesetzt. Könnte dies auch mit der krebspräventiven Wirkung der Folsäuresubstitution zusammenhängen, fragt Ulrich jetzt.

Die „B-Vitamin Treatment Trialists’ Collaboration“ an der Oxford Universität versucht die Frage nach den Auswirkungen von Folsäure auf die Krebsinzidenz jetzt durch die Auswertung von 13 randomisierten klinischen Studien zu beantworten, die den Einfluss einer Therapie mit Folsäure auf die Rate von Darmkrebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht hatten. Bei einer Teilnehmerzahl von fast 50.000 Personen und einer Behandlungsdauer von 5 Jahren war das Team um Robert Clarke in der Lage, auch kleine Ausschläge festzustellen.

Tatsächlich ermittelt die Studie einen Anstieg der Krebsrate um 6 Prozent, der allerdings nicht signifikant war (relatives Risiko RR 1,06; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,99-1,13). Auch für das Prostatakarzinom, für das eine frühere Meta-Analyse ein Signal gefunden hatte (BMJ Open 2012; 2: e000653) wurde kein signifikanter Anstieg gefunden (RR 1,15; 0,94-1,41).

Ein Zufall ist deshalb nicht auszuschließen. Für Clarke gibt es deshalb keinen Grund zur Besorgnis, zumal die Dosis in den Studien (im Mittel 2,0 mg) mehr als zehnmal höher war, als bei einer Folsäureanreicherung von Mehl zu erwarten ist. Die Aufnahme beträgt dort 0,1 bis 0,4 mg pro Tag.

Für Ulrich und Miller sind damit jedoch nicht alle Zweifel ausgeräumt. Sie halten einen leichten Anstieg der Krebsrate weiterhin für denkbar. Die Konfidenzintervalle hätten die Grenze zur Signifikanz nur knapp verfehlt schreiben sie und in den USA würden nicht wenige Menschen zusätzlich zu der Mehlanreicherung B-Vitamine einnehmen, womit 1 bis 4 Prozent über der empfohlenen Zufuhr von 1 mg/die lägen. Sie fordern deshalb weitere Untersuchungen.

Viele Regierungen sind vom Nutzen, der vor allem in der Reduktion von Neuralrohr­defekten um 70 Prozent bei Neugeborenen besteht, überzeugt. Laut der Flour Fortification Initiative schreiben weltweit 75 Länder die Folsäure-Anreicherung vor, darunter der gesamte amerikanische Kontinent, Australien und viele arabische Länder. Weiße Flecken auf der Landkarte gibt es noch in Ostasien, Afrika und in Kontinental­europa. © rme/aerzteblatt.de

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