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Politik

Bekämpfung der Schweinegrippe: Lob und Tadel für die Behörden

Donnerstag, 31. Januar 2013

dpa

Berlin – Experten sehen die Arbeit der Zuständigen Behörden bei der Bekämpfung der Pandemie mit einer Variante des Influenza-A-Virus H1N1 – auch „Schweinegrippe“ genannt – unterschiedlich. Das zeigte eine entsprechende Diskussion gestern im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages. Anlass war ein Antrag der Fraktion Bündnis90/Die Grünen.

Mitte 2009 war die Erkrankung in Mittelamerika aufgetreten und hatte sich rasch verbreitet. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Anfang Juni 2009 die höchste Alarmstufe ausgerufen hatte, begannen die meisten Staaten, Maßnahmen gegen eine drohende Pandemie zu ergreifen. Dazu gehörte auch die Beschaffung von Impfstoffen. Bedingt durch einen vergleichsweise harmlosen Erkrankungsverlauf bei der Mehrzahl der Betroffenen sowie durch öffentliche Kritik an dem Impfstoff ließ sich in Deutschland aber nur eine Minderheit impfen.

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Die Experten waren sich einig, dass es zu Beginn einer Pandemie schwierig sei abzuschätzen, wie gefährlich ein Erreger sei. „Man erfährt erst im Verlauf der Pandemie, wie sich das Virus verhält“, sagte der Präsident des Robert Koch-Institutes Reinhard Burger. Die zuständigen Institutionen hätten die Pflicht, sich auch auf schwere Krankheitsverläufe einzustellen. Deutschland sei beim Ausbruch der sogenannten Schweinegrippe gut aufgestellt gewesen und habe zum Beispiel sehr rasch Tests für den Virus entwickelt.

Laut René Gottschalk von der Schutzkommission beim Bundesinnenministerium habe Deutschland, vor allem im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder den USA, „alles richtig gemacht.“ „Eigentlich hätten wir noch viel mehr Impfstoff kaufen müssen“, behaup­tete Gottschalk. Gert Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum pflichtete ihm bei: „Wir wussten im Herbst 2009 noch nicht einmal annähernd, wie hoch die Infektionsrate war“, sagte er.

Thomas Barta von der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) äußerte sich zu der die Öffentlichkeit seinerzeit stark bewegenden Frage, ob zu viel Impfstoff eingekauft worden sei. Seiner Ansicht nach hat damals zunächst sogar zu wenig Impfstoff zur Verfügung gestanden. Dann aber seien die Patienten durch die öffentliche Debatte und die vergleichsweise milden Verläufe sehr rasch impfmüde geworden, sagte Barta.

Kritik an dem Umgang der beteiligten Stellen äußerte Gert Antes von Deutschen Cochrane Zentrum. Er ist der Ansicht, dass viele der Probleme, die bei der Pandemie aufgetreten seien, auf ein Verschulden dieser Stellen zurückzuführen seien. „Ich teile die allgemeine Zufriedenheit über die Vorbereitung auf und den Verlauf der Pandemie im Jahre 2009 nicht“, sagte er.

Zwar habe sich jede der beteiligten Institutionen für sich rational verhalten, das Zusammen­spiel habe aber nicht funktioniert. Für Wolfgang Wodarg von Transparency International ist im Zusammenhang mit der Pandemie zudem offenbar geworden, dass zwischen Industrie, öffentlichem Gesundheitsdienst und Politik „unselige Verquickungen“ bestünden. Man könne Industrievertreter zwar zu den Problemen befragen und auch in Expertengremien einladen, sie dürften aber auf keinen Fall mit entscheiden.

Die Sachsverständigen beurteilten außerdem die Informationspolitik kritisch. Burger räumte ein, dass in der Öffentlichkeit eine erhebliche Verwirrung über die Frage geherrscht habe, welchen der beiden auf dem Markt befindlichen Impfstoffe man verwenden solle.

Mit der Kommunikation über die Verwendung des Impfstoffes waren wir nicht zufrieden“, sagte der RKI-Präsident. Ähnliches berichtete Klaus-Dieter Kossow vom Deutschen Hausärzteverband: „Es ist uns nicht gelungen, unsere Meinung zur herrschenden Meinung zu machen“, sagte er und forderte eine Standardinformation, die alle wesentlichen Akteure gemeinsam verbreiten.

Paul Rheinberger von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wies darauf hin, dass auch die Vergütungsregelungen strittig gewesen seien. „Die Ärzte waren sich im Unklaren darüber, wie die Impfungen vergütet werden“, sagte Rheinberger. © hil/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #98740
wilfriedsoddemann
am Samstag, 2. Februar 2013, 10:48

Influenza auch durch Trinkwasser übertragbar

Wissenschaftlich unbestreitbar wird das H1N1 Schweinegrippevirus auch über Erbrochenes und Stuhl ausgeschieden. Damit ist der Übertragungsweg Abwasser – Gewässer – Leitungswasser grundsätzlich möglich. Infektionen durch Trinkwasser werden nicht allein durch das Trinken des Wassers übertragen. Weitere Übertragungswege sind das Einatmen von Aerosolen und der Kontakt mit dem Trinkwasser. Eintrittspforten beim Menschen sind die Augenbindehaut, die Nasenschleimhaut, die Mundschleimhaut und die Ohrtrommelfellmembran. Influenzaviren bleiben im kalten Wasser bei 7°C 12 Tage lang ansteckend. Das kalte Wasser wird erst am Wasserhahn mit dem Wasser aus der Warmwasserversorgung vermischt, so dass ansteckende Influenzaviren die Menschen so über das Trinkwasser erreichen können. Unsere Wasserwerke können Viren nicht abfiltern. Daher muss das Trinkwasser mit der Ultrafiltration, die die sehr kleinen Viren aus dem Wasser entfernen kann, für 50 Cent je Person und Monat gefiltert werden.

soddemann-aachen@t-online.de
Avatar #110206
kairoprax
am Freitag, 1. Februar 2013, 18:54

Tittel: GRAVIERENDE PANNEN bei der Bekämpfung des Schweinegrippe


Dieses Mal muß die Redaktion des DÄB sich den Vorwurf gefallen lassen, in den Titel im Internethinweis das kleine Wort "keine" eingebaut zu haben und damit den Sinn ins Gegenteil verkehrt zu haben.

Natürlich gab es Pannen, die sogar so gravierend einzustufen sind, daß man sie als einmalig in der Geschichte der Impfung in Deutschland bezeichnen kann.

Die Überschrift eine Ebene tiefer ("Bekämpfung der Schweinegrippe: Lob und Tadel für die Behörden") trifft den Kern besser - allerdings muß man hier konstatieren, daß das Lob sich nahezu ausschließlich auf die Art der Schadensbegrenzung bezogen hat.

Alles andere ist Tadel.

Es hätte nie von der WHO eine Pandemie ausgerufen werden dürfen, denn die lag zu keinem Zeitpunkt vor.
Es hätte keine zentrale Beschaffung eines Impfstoffs auf Kosten der Steuerzahler erfolgen dürfen. Und wenn schon, hätte man nie einen derart umstrittenen Impfstoff beschaffen dürfen.
Es wäre sinnvoll gewesen, einigen Experten rechtzeitig das Wort zu entziehen. Und es wäre sogar heute noch sinnvoll, diesen Experten im Nachhinein zu kündigen.

Nicht auzudenken, wenn sich tatsächlich eine große Zahl der Bevölkerung mit dieser Brühe hätte impfen lassen!

Diese Aktion hat dem Impfgedanken mehr geschadet als weiß Gott was.
Aber sie hat wenigstens insofern Sinn gemacht, daß man Wiederholungen in aller Zukunft vermeiden könnte - wenn nicht der Profitgedanke darauf drängt, die Affäre schnell vergessen zu lassen.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

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