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Medizin

Antibiotika bei starker Mangelernährung lebensrettend

Freitag, 1. Februar 2013

dpa

St. Louis – Kindern, die in Entwicklungsländern unter einer Mangelernährung leiden, fehlt es nicht nur an den für das Leben nötigen Kalorien. Sie sind auch infektanfällig und die Darmflora ist gestört. Eine Studie im New England Journal of Medicine (2013; 368: 425-435) zeigt, dass eine kurzfristige Antibiotikatherapie die Zahl der Kinder steigert, denen durch eine therapeutische Ernährung das Leben gerettet werden kann. In Science (2013; 339: 548-554) zeigen die Forscher, dass eine Störung der Darmflora an der Pathogenese der Hungerkrankheit Kwashiorkor beteiligt ist.

Die Behandlung einer schweren Mangelernährung erfolgt heute mit einer Mischung aus Erdnusspaste, Milchpulver, Öl, Zucker, angereichert mit Vitaminen und Spuren­elementen, die vor Ort hergestellt wird und als „Ready-to-Use Therapeutic Food“ (RUTF) bezeichnet wird. Entwickelt wurde sie von dem Mark Manary, einem Pädiater an der Washington University School of Medicine in St. Louis. RUTF wird inzwischen von der UNICEF empfohlen und von vielen Hilfsorganisationen eingesetzt. Sie kann aber nicht alle Kinder retten.

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Trotz ausreichender Nährstoffversorgung sterben 5 bis 10 Prozent der mangelernährten Kinder unter den Händen der Entwicklungshelfer. Ein Grund könnte in den häufigen Darminfektionen liegen, an denen mangelernährten Kinder leiden. Das Team um Manary hat deshalb in einer randomisierten klinischen Studie untersucht, ob eine einwöchige Antibiotikatherapie die Prognose der Kinder verbessern kann. Die Studie fand an 18 „feeding clinics“ in Malawi statt, die auf die Behandlung von unterernährten Kindern in dem südafrikanischen Land spezialisiert ist.

An der Studie nahmen 2,767 Kinder im Alter von 6 bis 59 Monaten teil, die bereits an einem Hungerödem litten (Kwashiorkor) oder deren Gewicht stark abgefallen war (Z-Score: minus 3, Marasmus) oder bei denen beides vorlag (marasmischer Kwashiorkor). Die Kinder wurden auf drei Gruppen randomisiert, in denen sie zusätzlich zu RUTF für 7 Tage mit Amoxicillin, Cefdinir oder Placebo behandelt wurden.

Primärer Endpunkt war einmal die Erholung von der Mangelernährung (ohne Ödem und Z-Score minus 2 oder besser). Bereits hier zeigte sich ein Vorteil der Antibiotika. Obwohl alle Kinder gleich ernährt wurden, hatten sich im Amoxicillin-Arm mit 88,7 Prozent und im Cefdinir-Arm mit 90,9 Prozent deutlich mehr Kinder von der Mangelernährung erholt als unter der alleinigen RUTF (85,1 Prozent).

Ebenso deutlich war die Auswirkung auf die Sterberate: Trotz RUTH starben im Placebo-Arm 7,4 Prozent der Kinder. Im Amoxicillin-Arm waren es nur 4,8 Prozent und im Cefdinir-Arm nur 4,1 Prozent. Die Unterschiede waren signifikant und für Manary sind sie ein klares Zeichen, dass die Antibiotikatherapie vielen unterernährten Kindern (natürlich nur zusammen mit der RUTF) das Leben retten kann. Die Investition ist gering. Die Antibiotika-Behandlung mit Amoxicillin kostet laut Manary pro Kind 2,67 US-Dollar, Cefdinir ist mit 7,85 US-Dollar etwas teurer. Für die RUTF müssen die Hilfsorganisationen pro Kind etwa 50 US-Dollar aufwenden.

Dass trotz Antibiotika und RUFT viele Kinder starben, vor allem wenn sie an einem marasmischen Kwashiorkor litten (15,4 Prozent im Amoxicillin-Arm und 12,3 Prozent im Cefdinir-Arm) verlangt nach weiteren Erklärungen. Die Forscher vermuten sie in einer Störung der Darmflora. Sie begleiteten deshalb 317 Zwillingspaare in den ersten drei Lebensjahren.

Darunter befanden sich einige wenige, in denen ein Geschwister an Kwashiorkor erkrankte, der andere jedoch nicht. Die Mikrobiom-Analyse zeigte, dass die Darmflora des Zwillings mit Kwashiorkor deutlich weniger Bakterienspezies enthält als der Darminhalt der gesunden Geschwister. Unter der RUTF erholte sich die Darmflora, doch nach deren Ende kam es bei Kwashiorkor-kranken Kinder wieder zu einer Einschränkung der Darmflora. Die Kinder waren also nicht gesund, auch wenn sie nicht mehr unter akutem Untergewicht litten. Der Darm machte sie weiter krank.

Die negativen Auswirkungen der Darmflora konnte das Team auch an keim-frei gehaltenen Mäusen zeigen. Nach einer Transplantation der Darmflora eines Kwashiorkor-kranken Kinder entwickelten die Mäuse eine Mangelernährung, allerdings nur, wenn sie mit der typischen Kinderkost von malawischen Kindern ernährt wurden. Nur dann wurden auch die für Kwashiorkor typischen Veränderungen im Stoffwechsel der Tiere gefunden.

Unter der normalen Mäusenahrung blieben die Tiere trotz der gestörten Darmflora gesund. Gesund blieben auch die Mäuse, die die Darmbakterien eines gesunden Kindes erhalten hatten. Die Studie lässt vermuten, dass eine Sanierung der Darmflora die langfristigen Ergebnisse der Behandlung weiter verbessern könnte. © rme/aerzteblatt.de

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