Medizin

Ritalin: Hohe Verordnungszahlen bei Kindern und Jugendlichen

Montag, 11. Februar 2013

Bremen – Mehr als ein Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland wird mit Methylphenidat behandelt. Der Verordnungsgipfel liegt bei 9 bis 11 Jahren. Dies geht aus einer Studie in BMC Psychiatry (2013: 13:11) hervor.

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Methylphenidat wurde in Deutschland bereits 1954 zugelassen. Die Verordnungszahlen waren allerdings lange Zeit gering. Erst nach 1990 kam es zu einem starken Anstieg. Im Jahr 2009 wurde das Medikament 184 Mal häufiger verschrieben als 20 Jahre zuvor, berichtet das Team um Edeltraut Garbe vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen (BIPS), das die pharmakoepidemiologische Forschungs­datenbank des Instituts für das Jahre 2004 bis 2006 ausgewertet hat. Die BIPS-Daten­bank speist sich aus den Daten von vier gesetzlichen Krankenkassen mit deutsch­landweit 18 Millionen Mitgliedern.

Im Jahr 2005 hatten 1,47 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren Methylphenidat erhalten. Jungen wurde es viermal häufiger verschrieben als Mädchen. Bei beiden Geschlechtern kam es ab dem Alter von 6 Jahren zu einem deutlichen Anstieg. Der Verordnungsgipfel wurde bei Jungen im Alter von zehn Jahren und bei Mädchen im Alter von elf Jahren erreicht.

Bei 83 Prozent der Kinder und Jugendlichen wurden neben der Aufmerksam­keits­defizit-/Hyperaktivitätsstörung (AHDS) weitere psychiatrische Begleiterkrankungen diagnostiziert im Vergleich zu 20 Prozent in einer Kontrollgruppe ohne AHDS. Es handelte sich überwiegend um Störungen der psychologischen Entwicklung, um Verhaltensstörungen oder um neurotische, stressbedingte oder somatoforme Störungen. Spezifische psychiatrische Diagnosen wie bipolare Störungen, Depressionen oder Folgen eines Drogenkonsums waren selten.

Auch hirnorganische oder kardiovaskuläre Erkrankungen traten bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS nicht auffällig häufig auf, auch wenn die Rate etwas höher war als in der Kontrollgruppe (2 versus 1,2 Prozent). © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 12. Februar 2013, 17:38

Fragwürdige Pharmakoepidemiologie

Die Hochrechnung, "mehr als ein Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland wird mit Methylphenidat behandelt", ist unseriös. Denn das Autorenteam um Frau Prof. Dr. med. Edeltraut Garbe vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen (BIPS), schreibt in seinem Abstract unter "Methods": "MPH treatment prevalence and incidence was assessed based on at least one MPH prescription in the given year."
http://www.biomedcentral.com/content/pdf/1471-244X-13-11.pdf
Dies bedeutet, dass als Minimalkriterium eine e i n z i g e Verordnung von Methylphenidat (MPH) in einem Gesamtjahr ausreichte, um Prävalenz und Inzidenz der MPH-Therapie insgesamt abzuschätzen? Das kann doch wohl nicht wahr sein!

In der konkreten Formulierung der Studie kommt es noch schlimmer: "Incident MPH users were those who had at least one MPH prescription in 2005 or 2006. We determined MPH treatment incidence as cumulative incidence by dividing the number of incident MPH users by the total number of insured persons stratified by age and sex for the years 2005 and 2006."

Wer mindestens e i n e e i n z i g e MPH-Verordnung in den Jahren 2005 o d e r 2006 hatte, sollte demnach "Incident MPH user" sein? Das ist 'Pharmakoepidemiologie für Anfänger'.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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