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Medizin

Transkranielle Gleich­stromapplikation: Schwacher Strom lindert Depressionen

Dienstag, 12. Februar 2013

dpa

São Paulo – Die transkranielle Gleichstromapplikation (tDCS), bei der durch den Schädel­knochen hindurch ein schwacher elektrischer Strom auf das Gehirn einwirkt, hat in einer randomisierten klinischen Studie in JAMA Psychiatry (2013; doi: 10.1001/2013.jamapsychiatry.32) Depressionen ebenso gut gelindert wie eine Standardtherapie mit dem Antidepressivum Sertralin. Beide Therapien lassen sich erfolgversprechend kombinieren.

Die tDCS unterscheidet sich fundamental von der elektrokonvulsiven Therapie, die das Gehirn für wenige Sekunden starken Stromstößen aussetzt und bei der die Patienten durch eine Anästhesie und Muskelrelaxantien vor schädlichen Krampfanfällen geschützt werden müssen.

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Die tDCS erfolgt dagegen bei vollem Bewusstsein, und die 400-fach schwächeren Stromimpulse werden von den Patienten kaum bemerkt. Die tDCS wurde bereits in den 1960er Jahren zur Behandlung von Major-Depressionen eingesetzt. Die Ergebnisse waren jedoch gemischt. In den letzten Jahren ist das Interesse an der Therapie wieder angestiegen. Die Parameter der Behandlung wurden optimiert und in offenen Studien wurde eine Wirksamkeit beobachtet.

Die bislang größte randomisierte Vergleichsstudie wurde an der Universitätsklinik von Sao Paulo in Brasilien durchgeführt. Andre Brunoni und Mitarbeiter randomisierten 120 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Major-Depression auf eine Therapie mit dem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Sertralin oder Placebo. Gleich­zeitig erhielten die Patienten eine tDCS, die aber bei jedem zweiten Patienten keinen Strom applizierte.

Für die tDCS wurden den Patienten zwei Elektroden auf der Kopfhaut platziert. Die Anode befand sich über dem linken und die Kathode über dem rechten dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC). Die Therapie geht von der Annahme aus, dass der linke DLPFC bei der Depression hypoaktiv ist und ein transkranieller Gleichstrom hier eine gesteigerte Hirnaktivität induziert.

Die Behandlung wurde wochentäglich über 30 Minuten durchgeführt. Die Patienten erhielten insgesamt 12 Sitzungen. Die Sertralindosis betrug 50 mg/die. Als Endpunkt wurde die Veränderung in der Montgomery-Asberg Depression Rating Scale gewählt, wobei laut Brunoni eine Verbesserung um 3 Punkte als klinisch relevant einzustufen ist.

Die Kombination beider Therapie erzielte eine Verbesserung um 11,5 Punkten gegenüber der Kombination aus Scheinmedikament und Schein-tDCS. Für eine alleinige SSRI-Therapie betrug der Vorsprung 8,5 Punkte und für die alleinige tDCS 5,9 Punkte. Die beiden Einzeltherapien waren damit ungefähr gleich gut, was ein beachtliches Ergebnis ist, da die tDCS laut Brunoni frei von Nebenwirkungen ist. Zudem gbt es keine Kontraindikationen für den Einsatz.

Die Therapie könnte zuhause von den Patienten durchgeführt werden. Sie ist allerdings aufwendiger als die Einnahme einer Tablette. Die Patienten benötigen eine gewisse Disziplin und müssen sich täglich eine halbe Stunde Zeit nehmen. Ob die tDCS einen Stellenwert in der Therapie erlangt dürfte vom Ausgang weiterer Studien abhängen, die derzeit in den USA und in Australien durchgeführt werden. © rme/aerzteblatt.de

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