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Politik

Spahn: Eltern von „Komatrinkern“ sollen 100 Euro zahlen

Mittwoch, 13. Februar 2013

dpad

Düsseldorf – Eltern von jugendlichen Rauschtrinkern sollen nach dem Willen des CDU-Gesundheitsexperten Jens Spahn eine Gebühr für den Kranken­haus­auf­enthalt ihrer Kinder zahlen. „Man sollte die Eltern pauschal mit 100 Euro an den Behand­lungskosten beteiligen, um sie an ihre Verantwortung zu erinnern“, sagte er der Rheinischen Post vom Mittwoch.

„Die stark steigende Zahl jugendlicher Komatrinker, die in deutschen Krankenhäusern eingeliefert werden, ist nicht hinnehmbar“, begründete der Unionspolitiker seinen Vorstoß. Dadurch werde unnötig Personal und Geld im Gesundheitswesen gebunden. Daher hält er eine stärkere finanzielle Beteiligung der Eltern für gerechtfertigt.  

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Immer mehr Kinder und Jugendliche müssen in Deutschland wegen eines Vollrauschs in Krankenhäusern behandelt werden. Nach neuesten Angaben des Statistischen Bundes­amtes wurden im Jahr 2011 insgesamt mehr als 26.300 Heranwachsende im Alter von zehn bis 20 Jahren wegen akuten Alkoholmissbrauchs stationär behandelt. Das waren 1,4 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz kritisierte: „Wer das Komasaufen von Jugendlichen ernsthaft verhindern will, darf nicht erst am Ende der Fahnenstange ansetzen.” Statt plakative Forderungen aufzustellen, sollte die Union ein grundsätzliches Umdenken bei Thema Alkoholmissbrauch von Jugendlichen anstreben.

Die SPD habe vor langem die konsequente Anwendung aller Jugendschutzgesetze und mehr Vorbeugung angemahnt, sagte Özoguz. „Tatsächlich aber ist Alkohol sehr einfach zu erwerben, nicht einmal Ausweiskontrollen werden flächendeckend konsequent durchgeführt.”

Der drogenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, HaraldTerpe, reagierte mit Spott auf den Vorstoß. Spahns Vorschlag sei „offensichtlich dem Karnevalsrausch geschuldet“, erklärte er in Berlin. Er gehe am Problem vorbei. Nicht nur bei Jugendlichen, auch bei Erwachsenen gebe es zum Teil erhebliche Zuwächse bei den Alkoholver­giftungen. Die schwarz-gelbe Koalition wolle davon ablenken, dass sie beim Thema Alkoholprävention aus Rücksicht auf die Industrie praktisch nichts unternommen habe, kritisierte Terpe.

Nach Ansicht der nordrhein-westfälischen Ge­sund­heits­mi­nis­terin Barbara Steffens (Grüne) können Verhaltensänderungen nicht über Strafzahlungen erreicht werden. „Wir brauchen Prävention so früh wie möglich, Aufklärung und aufsuchende Hilfen, aber keine Strafzahlungen“, erklärte sie in Düsseldorf.

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen kritisierte, die Eltern von Kindern mit einer Alkohol­vergiftung an den Kosten zu beteiligen, löse nicht das Problem. "Wichtig ist die frühzeitige Prävention", sagte Präsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. Die Jugendlichen müssten darin bestärkt werden, sich selbst kritisch mit dem Thema zu beschäftigen. © afp/dapd/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 13. Februar 2013, 16:38

"Postkarnevalismus"-Syndrom?

Die Alkoholindustrie promoted nur allzu gerne die "Närrischen Tage" mit massenweise Alkoholkonsum in Form von Bier- ("Irgendwann er(w)frischt es Jeden!"), Wein- oder hochprozentigem Schnapstrinken ("Jägermeister - Einer für Alle, Alle für Einen").

Weit über 2 Millionen Erwachsene feiern und betrinken sich aber auch ohne Karneval jedes Wochenende fußballbedingt. Meisterschafts- und Pokalfinalspiele begleiten über 10 Millionen mit exzessivem Alkoholkonsum. Politik, Öffentlichkeit, Medien, Parteien, Vereine und Familien bagatellisieren den Alkoholkonsum. In der Werbung wird immer jüngeres Zielpublikum angesprochen: Alkohol als Lebensbegleiter, Tröster, Konfliktlöser, Spaßmacher, Aufmunterer, Partykracher.

Und dann kommt ausgerechnet MdB Jens Spahn als gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU daher, um bei den Eltern mit 100 Euro die Hand aufzuhalten, während der Staat rücksichtslos Milliarden-Steuereinnahmen über die Alkoholsteuer generiert? Und sich auch noch schamlos an jugendlichen Rauschtrinkern bereichert?

GKV- und PKV-Versicherte zahlen extra fürs Koma-Saufen in a l l e n Altersgruppen. Und wir, als Steuerzahler, finanzieren die Versorgungsinfrastruktur für die Jungen und die Alten, die an der Flasche hängen. 25 % des staatlichen Alkoholsteueraufkommens müssten für präventive und kurative Maßnahmen in die Kran­ken­ver­siche­rung fließen.

Aber bevor das kommt, würden sich Bundesregierungspolitiker und Abgeordnete vermutlich ebenso verzweifelt wie sinnlos betrinken, weil sie den Bundeshaushalt nicht mehr zusammen kriegen könnten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #109088
Paschen_
am Mittwoch, 13. Februar 2013, 14:52

Politiker wirbt mit Schnapsidee um Aufmerksamkeit!

Anders kann ich mir diese Idee eines "CDU-Gesundheitsexperten" nicht erklären. Führt man eine Kostenselbstbeteiligung wegen selbst verschuldeter Behandlungsbedürftigkeit ein, wird es schwer eine Grenze zu ziehen. Wie ist es dann mit Folgeerkrankungen des Rauchens, die das Gesundheitssystem sicher stärker in Anspruch nehmen als alkoholvergiftete Jugendliche? Wie ist es mit gefahrenträchtigem Sport (z.B. Wintersport)? m. E. sollte lieber einmal zu viel als zu spät professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden, wenn ein Jugendlicher in Gefahr schwebt, unabhängig von der "Schuld" Zuweisung.
LNS
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