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Medizin

Meta-Analysen: Hydroxyethylstärke erhöht Risiko auf Nierenversagen und Tod

Mittwoch, 20. Februar 2013

dpa

Winnipeg/Kopenhagen – Die Ergebnisse neuer Studien und der Ausschluss älterer Studien mit geschönten Daten haben die Bewertung von Hydroxyethylstärke (HES) als Blutplasmaersatzstoff verändert. Zwei aktuelle Meta-Analysen im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2013; 309: 678-688) und im britischen Ärzteblatt (BMJ 2013; 346: f839) ermitteln jetzt sogar ein erhöhtes Sterberisiko, das auf eine Schädigung der Nieren zurückgeführt wird.

Zur Vorgeschichte: HES werden seit den 1960er Jahren als Plasmaexpander in der Notfall- und Intensivmedizin eingesetzt, ohne dass deren Sicherheit und Wirksamkeit in großen Phase-III-Studien, wie sie heute üblich sind, untersucht wurde. Die Evidenz stützte sich später zu einem gewissen Anteil auf Studien, die der Anästhesiologe Joachim Boldt durchgeführt hat.

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Boldt geriet jedoch in den Verdacht, Teile seiner Publikationen gefälscht zu haben, was eine unabhängige Untersuchungskommission später für erwiesen hielt. Internationale Fachzeitschriften zogen 2011 die Mehrzahl von Boldts Publikationen zurück, der inzwischen neben seinem internationalen Ruf auch seine Stellung am Klinikum Ludwigshafen verloren hat.

Eine Neubewertung der Sicherheit von HES wurde auch durch die Ergebnisse mehrerer randomisierter Studien notwendig, die 2012 erschienen sind. Der „6S Trial“ war zu dem Ergebnis gekommen, dass das niedermolekulare HES 130/0.42 bei Sepsispatienten die Rate von Nierenersatztherapien und das Sterberisiko erhöht (NEJM 2012; 367: 124-3). Die CHEST-Investigators kamen zu dem Ergebnis, dass auch HES 130/0.4 häufiger zum Nierenversagen führt (NEJM 2012; 367: 1901-11) als ein Volumenersatz ohne Stärke.

Die Produkte der konkurrierenden Hersteller unterscheiden sich nur minimal, sodass Ryan Zarychanski von der Universität von Manitoba in Winnipeg die Ergebnisse jetzt in einer Meta-Analyse zusammenfasste. War unter Einschluss von 7 Arbeiten von Boldt noch kein Risikosignal feststellbar, errechnete Zarychanski nach dem Ausschluss der inkriminierten Arbeiten einen signifikanten Anstieg der Gesamtsterblichkeit um 9 Prozent (relatives Risiko RR 1,09; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,02-1,17) und der Häufigkeit eines Nierenversagens um 27 Prozent (RR 1,27; 1,09-1,47).

Ähnlich sind die Ergebnisse von Nicolai Haase von der Universitätsklinik Kopenhagen, der für den Einsatz von verschiedener HES-Präparate (130/0.38 bis 130/0.45) bei der Sepsis ebenfalls eine erhöhte Rate von Nierenersatztherapien (RR 1,36; 1,08-1,72) ermittelt. Die Patienten benötigten außerdem häufiger Bluttransfusionen (RR 1,29; 1,13-1,48), und sie erlitten öfter schwere Komplikationen (RR 1,30, 1,02-1,67). Im Gegensatz zu Zarychanski fand Haase jedoch kein signifikant erhöhtes Sterberisiko.

Massimo Antonelli und Claudio Sandroni von der Universita Cattolica del Sacro Cuore in Rom räumenim Editorial in JAMA zwar ein, dass prinzipielle Einwände gegen die Meta-Analysen möglich sind. Neben der Heterogenität der HES-Präparate gab es auch Unterschiede in den Vergleichssubstanzen, zu denen 0,9%ige Kochsalzlösungen, Ringerlösungen mit Laktat oder Acetat, Gelatine, Albumin und Plasma gehörten.

Die „rigorose“ Meta-Analyse von Zarychanski habe jedoch auf ein mögliches Risiko hingewiesen, das – bis zum Beweis des Gegenteils durch randomisierte klinische Studien – ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis von HES anzeige, das nach Ansicht der Autoren gegen den Einsatzbon HES als Volumenersatz in der Akuttherapie spricht. © rme/aerzteblatt.de

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