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Medizin

Asthma-Medikament Omalizumab lindert chronische Urtikaria

Montag, 25. Februar 2013

dpa

Berlin – Der monoklonale Antikörper Omalizumab, der seit 2005 als Xolair für die Zusatz­therapie beim allergischen Asthma bronchiale zugelassen ist, aber aufgrund der hohen Kosten nur selten eingesetzt wird, kann auch die Beschwerden einer chronischen idiopathischen oder spontanen Urtikaria (Nesselsucht) lindern, die zumeist ohne erkennbaren Grund zu Schwellungen der Haut und der Schleimhaut führt. Eine Phase-III-Studie im New England Journal of Medicine (2013; doi: 10.1056/NEJMoa1215372) bestätigt die Erfahrungen früherer Studien.

Omalizumab ist ein Antikörper, der andere Antikörper bindet und neutralisiert. Er wurde entwickelt, um lösliche IgE-Antikörper im Blut und Interstitium abzufangen, bevor diese Mastzellen zur Degrenulation und zur Histaminfreisetzung veranlassen. Omalizumab kann so Symptome einer allergischen Reaktion verhindern. Omalizumab bindet jedoch auch an bestimmte IgE-Rezeptoren auf Mastzellen und basophilen Granulozyten, weil diese eine hohe Affinität zu den löslichen IgE-Antikörpern haben.

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Diese Bindung erklärt möglicherweise die Wirkung von Omalizumab bei der chronischen idiopathischen Urtikaria. Deren Pathogenese ist jedoch nicht genau bekannt, wie in der Regel auch kein Auslöser für die spontanen Anfälle einer stark juckenden Nesselsucht gefunden wird, die die Lebensqualität von Patienten mit chronischer Urtikaria stark beeinträchtigen kann. Bei einem Teil der Patienten werden die Urtikaria-Attacken von einem Angioödem begleitet, das infolge einer Schwellung der Schleimhäute in den oberen Atemwegen Erstickungsanfälle auslösen kann.

Mittel der Wahl bei der Urtikaria sind nichtsedierende Antihistaminika, die allerdings bei der Mehrzahl der Patienten keine ausreichende Wirkung erzielen. Die Leitlinie empfiehlt dann die Therapie mit Leukotrien-Antagonisten und im nächsten Schritt mit H2-Antihistaminika. Einige Patienten benötigen systemische Steroide oder Immunsuppressiva. Auch das Lepramittel Dapson kommt gelegentlich zum Einsatz.

Seit einigen Jahren haben die Therapeuten gute Erfahrungen mit Omalizumab gemacht, das auch in zwei Phase-II-Studien, allerdings an einer begrenzten Anzahl von Patienten, gute Erfolge erzielte. Die Hersteller Genentech (für die USA) und Novartis Pharma (für Europa) entschieden sich deshalb für die Unterstützung einer Phase-III-Studie, deren Ergebnisse jetzt auf der Jahrestagung der American Academy of Allergy, Asthma & Immunology in San Antonio/Texas vorgestellt wurden.

An der Studie nahmen an 61 Zentren in den USA und Europa (unter Beteiligung mehrerer deutscher Zentren) 323 Patienten im Alter von 12 bis 75 Jahren (in Deutschland 18 bis 75 Jahre) teil. Sie litten seit mindestens 6 Monaten an einer chronisch idiopathischen oder spontanen Urtikaria, die ihre Lebensqualität deutlich beeinträchtigte.

Die Patienten wurden auf auf 3 subkutane Injektionen (im Abstand von 4 Wochen) mit Omalizumab in drei unterschiedlichen Dosierungen oder Placebo randomisiert. Primärer Endpunkt war eine Veränderung im „weekly itch severity score“, der den Juckreiz zwischen 0 und 21 Punkte bewertete.

Wie Marcus Maurer vom Allergie-Centrum-Charité und Mitarbeiter berichten, senkte Omalizumab die Juckreizbeschwerden. Aber nur in den beiden höheren Dosierungen (150 und 300mg) wurde ein signifikanter Vorteil gegenüber Placebo erzielt. Die Verbesserungen betrugen 8,1 und 9,8 Punkte, während es im Placebo-Arm zu einer Verbesserung um 5,1 Punkte kam.

Anschaulicher sind die Ergebnisse in einigen sekundären Endpunkten: In der höheren Dosierung waren 53 Prozent der Patienten nach 3 Monaten ohne Nesselsucht (gegenüber 23 Prozent unter 150 mg, 18 Prozent unter 75 mg und 10 Prozent im Placebo-Arm). Ohne Nesselsucht und ohne Juckreiz waren 44 Prozent (gegenüber 11 Prozent, 16 Prozent, 5 Prozent).

Eine Therapie mit Omalizumab ist jedoch nicht ohne Risiken. In der Studie kam es bei 5 von 79 Patienten in der höheren Dosierung zu schweren Komplikationen. Das Supplement erwähnt ein Melanoma in situ. Die Fachinformationen nennen Tumorerkrankungen als ein mögliches Risiko, seit es in ersten klinischen Studien zu einer erhöhte Erkrankungsrate (0,5 versus 0,18 Prozent) gekommen war. In späteren Studien war die Rate von Krebserkrankungen nicht mehr erhöht.

Unbestritten ist, dass Xolair in seltenen Fällen nach der Injektion anaphylaktische Reaktionen auslösen kann (die allerdings in der Studie niemals beobachtet wurden). Eine erhöhte Rate von Wurminfektionen unter Omalizumab in einer Studie erinnert daran, dass IgE-Antikörper im Immunsystem durchaus eine sinnvolle Aufgabe haben. Die Gefahr dürfte allerdings in den Industrieländern, wo Wurminfektionen selten geworden sind, gering sein.

Nach Angabe des Herstellers leiden zwischen 0,5 und 1 Prozent der Bevölkerung an einer chronischen Urtikaria. Omalizumab dürfte aber auch nach einer Zulassung, die Genentech jetzt für die USA beantragen will, nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen. Der Grund dürfte in den hohen Therapiekosten zu suchen sein. Eine einzelne Injektion in der erforderlichen Dosis von 300 mg kostet in Deutschland derzeit mehr als 1.000 Euro. © rme/aerzteblatt.de

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