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Ärzteschaft

„Reformen im Bereitschaftsdienst finanzieren sich zum Teil selbst“

Montag, 4. März 2013

Berlin – Größere Bezirke, weniger Dienste, zentrale Strukturen ­– in vielen Bundes­ländern wird der ambulante ärztliche Bereitschaftsdienst reformiert. Vor allem die Überlastung der Hausärzte auf dem Land erzwingt Veränderungen. Die neuen Reformen müssen unter dem Strich nicht viel mehr Geld kosten, ist Uwe Popert überzeugt. Der Kasseler Allgemeinarzt engagiert sich derzeit bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen für Bereitschaftsdienstreformen. Er ist auch stellvertretender Sprecher der Sektion Versorgung bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

5 Fragen zum Bereitschaftsdienst an Uwe Popert, Arzt für Allgemeinmedizin in Kassel

DÄ: Herr Popert, viele Kassenärztliche Vereini­gungen(KVen) reformieren gerade ihre Bereit­schaftsdienstordnungen. Fast überall gehören eine Vergrößerung der Bezirke und eine Verringerung der Einsatzhäufigkeit dazu. Ist das der richtige Weg?
Popert: In Hessen haben wir damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Im Raum Kassel, wo ich niedergelassen bin, sind die Kolleginnen und Kollegen sehr zufrieden. Das ist uns auch das Wichtigste. Dass fast alle KVen diesen Weg gehen, hat damit zu tun, dass es immer weniger Hausärzte gibt und der Nachwuchs zu Recht auf faire und familiengerechte Arbeitsbedingungen achtet.

DÄ: Trotzdem gibt es überall Kritik, selbst an der Vergrößerung der Bezirke und der Reduzierung der Dienste. Woran liegt das? An egoistischen Kollegen?
Popert: Natürlich muss jede neue Regelung sich erst einmal bewähren. Noch haben wir den Stein der Weisen für die optimale Größe der neuen Bereitschaftsdienstbezirke nicht gefunden. Bei Widerstand und Protesten findet man immer ein Gemisch aus verschie­denen Interessen. Es mag auch eine Rolle spielen, dass man sich gerade in seiner Region gut eingerichtet hat und erst davon überzeugt werden muss, dass die Position von benachbarten Kollegen unhaltbar geworden ist.

In Hessen gibt es im Süden und in der Mitte sehr viele Bereitschaftsdienstzentralen, teilweise schon zu viele. Im ländlich geprägten Norden haben sich die Kollegen bisher meist kollegial vertreten, können das aber nicht länger. In einem Bereich war das am Ende die Aufgabe von nur noch drei Kollegen. Das geht einfach nicht mehr. Die geplante Reform in Hessen ist deshalb vor allem gedacht zur Entlastung der ländlichen Bereiche. Natürlich ist das Ziel ein finanzieller und personeller Transfer von den Ballungsräumen in die ländlichen Bereiche.

DÄ: Auffallend ist, dass sich mehr und mehr KVen für Bereitschaftsdienstpraxen an Kliniken einsetzen. Ein interessantes Modell?
Popert: Ja, auch für Hessen. Es liegt ein entsprechender Beschluss vor, der das vorsieht. Bereitschaftsdienstpraxen an Kliniken sind sinnvoll, soweit sie tatsächlich mit einer guten Kooperation verbunden sind. Man sollte solche Praxen aber nicht unter allen Umständen anstreben. Es gibt schließlich Krankenhäuser mit so viel internen Reibungs­flächen, dass die Niedergelassenen lieber unter sich bleiben wollen. Deshalb sind diese Kooperationen keine Patentlösung, aber tendenziell sinnvoll, insbesondere fürs Land. Dort geht es besonders darum, die wenigen Ärzte in Praxen und Kliniken optimal einzusetzen und dafür zu sorgen, dass sie sich gegenseitig helfen und entlasten.

DÄ: Über die Kosten neuer Bereitschaftsdienststrukturen wird teilweise heftig diskutiert. Sind zentrale, teure Strukturen unumgänglich, um gerade auf dem Land Ärzte zu entlasten und den Nachwuchs dort nicht zu vergraulen? Oder sind kollegiale, kleine Lösungen günstiger und besser?
Popert: Ungünstige Lösungen sollte man natürlich nicht anstreben. Oft ist es aber so, dass sich beispielsweise durch eine Bereitschaftsdienstpraxis an einer Klinik Kosten sparen lassen, weil dort mietfrei Räume gestellt werden. Und zentrale Leitstellen mit Ärzten für telefonische Beratungen können insbesondere nachts viel Druck von den Ärzten in ländlichen Regionen nehmen.

In anderen Bundesländern, die bei der Reform des Bereitschaftsdienstes weiter sind als Hessen, haben die KVen zudem festgestellt, dass sich durch die neuen Strukturen die Inanspruchnahme reduziert. Das heißt: Zu einem großen Teil finanzieren sich die Reformen selbst, nämlich durch vermehrte telefonische Beratungen und weniger Hausbesuche. Denn viele Kranke, bei denen es dann doch nicht so dringend war, kommen offenbar lieber am nächsten Tag zu ihrem Hausarzt als in die Bereitschafts­dienstpraxis.

DÄ: Sie meinen: Durch die Wege zu einer Bereitschaftsdienstpraxis werden Patienten eher abgehalten, den Dienst zu beanspruchen, als wenn ein Arzt im Bereitschaftsdienst vorbei kommt?
Popert: Auf jeden Fall haben wir auch im Kasseler Raum die Erfahrung gemacht, dass durch die Zusammenlegung von städtischen und ländlichen Bezirken mit einer zentralen Bereitschaftsdienstpraxis und zentral gesteuerten Hausbesuchsärzten die Inanspruch­nahme des Bereitschaftsdienstes um mindestens ein Drittel gesunken ist. Das hat wohl viele Gründe. Wenn ein Patient nicht genau weiß, wer Dienst hat, denkt er wohl häufiger: Dann hat es eben Zeit bis morgen. Es ist eine andere Situation, als wenn man seinen vertrauten Hausarzt anrief und der schon für kleinere Bagatellgeschichten ran musste.

Bereitschaftsdienst im Lahn-Dill-Kreis: Wo Ärzte nachts gut schlafen

In der Mitte Hessens wird der ärztliche Bereitschaftsdienst mit Hilfe von Kollegen in einer zentralen Leitstelle des Landkreises koordiniert. Das Besondere: Sie sitzen unter einem Dach mit den Disponenten für Rettungsdienst und Feuerwehr.

Auch verpflichten uns die Krankenkassen, keine unnötigen Hausbesuche zu machen. Wenn Patienten fahrfähig sind, müssen sie fahren – zur Not mit dem Taxi zur nächsten Bereitschaftsdienstpraxis. Das alles bedeutet eine erhebliche Fallzahlverminderung, die aber nach meiner Kenntnis nicht zu einer Qualitätsverminderung geführt hat. In der Vergangenheit bestanden auch Anreize für Kollegen, ihre Sprechzeiten in die Not­dienstzeiten zu legen, weil sie dann besser bezahlt wurden. Das darf natürlich nicht sein.

Und noch etwas: Im Rahmen der Reformdebatte in Hessen ist uns aufgefallen, dass es im Hinblick auf Hausbesuche eine ganz erhebliche Diskrepanz zwischen den Regionen gibt. In einem südhessischen Bereich haben wir bis zu 45 Prozent Hausbesuche, bezo­gen auf medizinischen Anfragen, in nördlichen Bereichen sind es nur 2,5 Prozent. Ich glaube, dass weder das eine noch das andere optimal ist. Eine Umorganisation in diesem wichtigen Bereich sollte aber immer mit einer Qualitätssicherung und Versorgungsforschung verbunden werden. © Rie/aerzteblatt.de

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