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Medizin

Tiefe Hirnstimulation hilft bei Anorexie

Donnerstag, 7. März 2013

dpa

Toronto – Die bilaterale Implantation von Elektroden und die Stimulation des Gyrus subcallosus hat drei von sechs Patientinnen mit therapierefraktärer Anorexia nervosa geholfen ihren Body-Mass-Index (BMI) zu halten oder zu verbessern. Die Autoren sprechen im Lancet (2013; doi:0.1016/S0140-6736(12)62188-6) von einem Erfolg ihrer Phase-I-Studie und wollen weitere Patienten behandeln.

Als invasive Therapie, die nicht ohne Risiko ist, kommt eine tiefe Hirnstimulation sicherlich nur als Ultima Ratio infrage. Die Anorexia nervosa hat jedoch eine der höchsten Sterberate aller psychiatrischen Erkrankungen. Auch die sechs Frauen im Alter von 24 bis 57 Jahren, die sich am Krembil Neuroscience Centre in Toronto – weltweit erstmalig in dieser Indikation – der Operation unterzogen, hatten keine günstige Prognose.

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Obwohl sie zusammen fast 50 Mal in Kliniken behandelt worden waren, hatten sie auch 4 bis 37 Jahre nach dem Ausbruch der Erkrankung ein extremes Untergewicht: Ihr BMI war auf 11,0 bis 13,5 abgefallen (Normalwert 18,5-25). Bis auf eine litten alle an weiteren psychiatrischen Erkrankungen und alle zeigten kardiale, endokrine oder gastrointestinale Komplikationen ihrer Magersucht, als Psychiater der Universität Toronto sie zur Operation durch ein Neurochirurgenteam um Andres Lozano bewegen konnten.

Während der Operation wurden zwei Elektroden in den Gyrus subcallosus vorge­schoben, der sich rostral unterhalb des Corpus callosum und oberhalb des Riech­nervens befindet. Ausschlaggebend für die Wahl waren wissenschaftliche Studien, die krankheitsbedingte Störungen in dieser Region nachgewiesen hatten. Außerdem waren durch eine tiefe Hirnstimulation in dieser Region zuvor Erfolge in der Behandlung schwerer Depressionen erzielt worden.

Operation nicht risikolos
Die stereotaktische Operation erwies sich bei den stark geschwächten Frauen (trotz einer präoperativ optimierten Betreuung) nicht als risikolos. Bei einer Frau kam es nach Einschalten des Gerätes zu einem Krampfanfall, eine andere erlitt intraoperativ eine Panikattacke (der Eingriff wird unter Lokalanästhesie durchgeführt) und eine dritte eine Luftembolie. Alle erholten sich jedoch von der Operation. Sie überstanden auch die postoperative Phase, in welcher der BMI noch einmal abfiel. Dies war erwartet worden, da auch bei der tiefen Hirnstimulation der Depression die Wirkung erst mit mehreren Monaten Verzögerung eintrat.

Die Phase-I-Studie hat nach Einschätzung von Lozano gezeigt, dass eine tiefe Hirnstimulation bei einer Anorexia nervosa sicher durchführbar ist. Die Nachbeobachtung der Patientinnen über mehr als 9 Monate lasse auch eine gewisse Wirkung erwarten: Drei der sechs Patientinnen konnte den BMI auf Werte steigern, die sie im gesamten Verlauf ihrer Krankheit nicht wieder erzielt hätten, berichtet Lozano.

Hinzu kam eine signifikante Verbesserung der Depressionen und Angstzustände bei vier der sechs Patientinnen. Diese hätten die Kontrolle über ihre Emotionen zurückerlangt und es gelinge ihnen jetzt besser, die Fress- und Brechattacken sowie andere Zwangshandlungen zu vermeiden. Zwei der drei Patientinnen hätten erstmals seit Beginn ihrer Erkrankung erfolgreich an einer stationären Therapie ihrer Essstörung teilgenommen.

Die Therapie muss laut Lozano noch als experimentell betrachtet werden. Der Hirnchirurg möchte im Rahmen von Studien weitere Patienten behandeln. Wie die Wirkung der tiefen Hirnstimulation zustande kommt, ist nicht ganz klar. Aufgrund der Lokalisierung der Elektroden ist eine direkte Wirkung auf den Appetit unwahrscheinlich. Die Gewichtszunahme könnte eine sekundäre Folge der antidepressiven Wirkung sein. Depressionen gelten derzeit ebenfalls als mögliches Anwendungsgebiet für die tiefe Hirnstimulation, die sich in den letzten Jahren vor allem zur Behandlung des Morbus Parkinson etablieren konnte. © rme/aerzteblatt.de

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