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Medizin

Rotwein: Wirkungsmechanismus von Resveratrol entschlüsselt

Freitag, 8. März 2013

dpa

Boston – Zuletzt war es still geworden um die „Anti-Aging“-Substanz Resveratrol. Skeptiker hatten bezweifelt, dass das Antioxidans aus der Haut von roten Weintrauben tatsächlich das Protein Sirtuin-1 aktiviert, das Alterungsvorgänge in den Zellen verlang­samt. Doch jetzt kontert der „Entdecker“ mit Mitgründer der Firma Sirtris mit einer Publikation in Science (2013; 339: 1216-1219). Dort beschreibt sein Team den genauen Wirkungsmechanismus von Resveratrol.

Vor einem Jahrzehnt hatte der Molekularbiologe David Sinclair von der Harvard Medical School in Boston gezeigt, dass Resveratrol die Lebensphase von Hefezellen verlängert. Später konnte er ähnliche Effekte auch an einem Fadenwurm und der Fruchtfliege beobachten. Schließlich gelang der Nachweis, das Resveratrol bei Mäusen eine Verkür­zung der Lebensphase durch ein fettreiche Kost verhindert.

Die Berichte machten Sinclair in der Fachwelt zum Star – und privat zu einem reichen Mann, denn 2008 kaufte der Pharmakonzern GlaxoSmithKline die von Sinclair gegrün­dete Firma Sirtris für 720 Millionen US-Dollar, obwohl sich viele Experimente von Sinclair nicht reproduzieren ließen und es dem Hersteller bisher nicht gelungen ist, Resveratrol oder einen anderen (besser mit Patenten zu schützenden) Wirkstoff auf den Markt zu bringen. Dass sich derzeit drei Wirkstoffe in klinischen Studien befinden (Indikation Typ 2-Diabetes und Psoriasis), bedeutet nicht, dass sie auch eine Wirkung erzielen.

Die Kritik richtete sich gegen Sinclairs Behauptung, Resveratrol würde in den Zellen die Aktivität von Sirtuin-1 steigern. Sirtuin-1 gehört zu den regulatorischen Proteinen, die in den Zellen Alterungserscheinungen bis hin zur Apoptose verhindern sollen. Die Evidenz gründet sich auch hier zwar nur auf den Fadenwurm und andere einfache Organismen.

Sirtuin-1 hat jedoch die Fantasie der Forscher beflügelt, die im weitesten Sinn nach „Anti-Aging“-Substanz suchen. Nur schade, dass sich wesentliche Ergebnisse von Sinclair nicht reproduzieren liefen. Sinclair hatte in seinen Experimenten Sirtuin-1 mit einem Protein markiert, das eine Aktivierung durch eine Fluoreszenz anzeigte. Andere Forscher, die die Aktivität auf anderem Wege, ohne Fluoreszenz-Markierung, messen wollten, konnten niemals feststellen, dass Resveratrol oder andere Sirtuin-Aktivatoren (STAC) eine Wirkung erzielten.

Jetzt scheint es Sinclair doch gelungen zu sein, den genauen Wirkungsmechanismus zu entschlüsseln. Die Studie beschreibt, an welcher Stelle Resveratrol am Sirtuin-1-Molekül bindet, und wie es durch eine Veränderung der dreidimensionalen Struktur die Aktivität von Sirtuin-1 steigert. Die Studie hat den Gutachterprozess bei Science bestanden und auch die erste Einschätzung der Kommentatoren fielen positiv aus.

Für die Arzneimittelforschung steht jetzt der Weg offen zur Entwicklung weiterer STACs mit einer stärkeren Wirkung, die dann in klinischen Studien vielleicht doch die gewünschten Effekte erzielen. Vorhersagen lässt sich dies allerdings nicht. Dem Weintrinker bleibt die Hoffnung, seinem Körper mit dem alkoholhaltigen Getränk vielleicht doch irgendwie zu nutzen, die Leber einmal ausgenommen. © rme/aerzteblatt.de

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