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Medizin

Wie viele Patienten in Narkose wach werden

Dienstag, 12. März 2013

dpa

Oxford – Der Gedanke, während einer Vollnarkose zu erwachen, während der Chirurg gerade das Skalpell ansetzt, ist so beunruhigend, dass das Risiko einer intraoperativen Wachheit (AWR) in der Öffentlichkeit oft überschätzt wird. Eine sorgfältige Befragung aller britischen Anästhesiologen ergab jedoch, dass AWR ein seltenes Ereignis sind.

Im National Audit Project 5 „Accidental awareness during general anaesthesia“ (AWR) haben die beiden Fachgesellschaften RCoA (Royal College of Anaesthetists und AAGBI (Association of Anaesthetists of Great Britain and Ireland) alle Narkosefachärzte des Vereinigten Königreichs nach der Zahl ihrer AWR-Ereignisse im Jahr 2011 befragt.

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Mehr als 80 Prozent haben den Fragebogen zurückgeschickt. Die Auswertung von Jaideep Pandit von der Universität Oxford ergab eine Inzidenz von 1 zu 15.414 oder 0,0065 Prozent.

Das ist deutlich weniger als in früheren Studien: Eine schwedische Studie hatte die Inzidenz auf 0,18 Prozent (bei neuromuskulärer Blockade) und 0,10 Prozent (ohne neuromuskuläre Blockade) geschätzt (Lancet 2000; 355: 707-11). Zwei US-Studien hatten die Inzidenz mit 0,13 Prozent (Anesthesia & Analgesia 2004; 99: 833-9) und 0,12 Prozent angegeben (Anesthesiology 2012; 117: 717-25).

Die neue Umfrage ist allerdings mit Abstand die größte Untersuchung, und Pandit hält die Angaben seiner Kollegen für glaubwürdig (wobei natürlich nicht auszuschließen ist, dass einige Ereignisse vom Anästhesisten nicht bemerkt oder vom Assistenten oder dem Patienten nicht berichtet wurden). In Großbritannien werden Vollnarkosen wie in Deutschland nur von Ärzten durchgeführt.

Beruhigend ist, dass nur 30 Prozent der AWR-Ereignisse während der eigentlichen Operation auftraten. Weitere 47 Prozent fielen in die Induktionsphase und 23 Prozent in die Aufwachphase. Da es sich bei den letzten beiden um Übergangsphasen der Anästhesie handelt, waren die Ereignisse entsprechend kurz.

Nur 38 Prozent der Patienten litten während der AWR unter Schmerzen oder anderen Beschwerden: 19 Prozent der AWR führten zu formellen Beschwerden und nur 4 Prozent der Patienten (insgesamt 6 Personen) strengten eine Klage vor Gericht an. Es sei aber nicht auszuschließen, dass noch weitere Klagen hinzukommen, meint Pandit, da einige Patienten sich erst spät zu juristischen Schritten entschließen würden.

Ob sich AWR-Ereignisse durch die Anwendung von Bispektral-Index oder anderen Geräten zum Monitoring der Narkosetiefe vermeiden ließen, kann die Umfrage nicht beantworten. Zwar verfügten 163 von 263 Kliniken über die Geräte, sie wurden aber nur von 1,8 Prozent der Anästhesisten regelmäßig verwendet.

Bei 25 Prozent waren sie gelegentlich im Einsatz. Dies könnte sich in den nächsten Jahren ändern, da das National Institute of Clinical Excellence (NICE) seit November 2012 die Verwendung der Geräte (als kosteneffektiv) empfiehlt.

Die Ergebnisse der Umfrage wurden in Anaesthesia 2013; doi: 10.1111/anae.12190 und im British Journal of Anaesthesia (2013; doi: 10.1093/bja/aet016), den beiden Fachzeitschriften von RCoA und AAGBI veröffentlicht. © rme/aerzteblatt.de

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normalerdoktor
am Dienstag, 12. März 2013, 23:59

An die Bildredaktion des DÄ-Online

Das Bild zum Artikel zeigt offenbar gerade keinen Patienten in Vollnarkose sondern während einer Regionalanästhesie. Er (oder sie?) hat einen Mundschutz auf und hört vermutlich Musik über den im Bild sichtbaren iPod. Tubus oder Maske sind hingegen nicht zu entdecken.

Im übrigen stimmt natürlich nicht, dass - so wie in dem Beitrag steht - "...Vollnarkosen ... in Deutschland nur von Fachärzten durchgeführt" werden. Dies tun 100.000-fach auch Ärzt/innen in Weiterbildung zum Facharzt - was ja auch in Ordnung ist. Und in Großbritannien dürfte das kaum anders sein.
LNS

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