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Medizin

HIV: Funktionelle Heilung bei früher Therapie möglich

Freitag, 15. März 2013

Elektronenmikroskopische Aufnahme von HI-Viren CDC

Paris – Nach dem Bericht über die „funktionelle Heilung“ eines Neugeborenen im US-Staat Mississippi haben sich französische Wissenschaftler zu Wort gemeldet. In PLoS Pathogens (2012; 9(3): e1003211) berichten sie über die Visconti-Kontrolle, eine Gruppe von HIV-Infizierten, die nach einer antiretroviralen Therapie in der akuten Virämie-Phase die HIV-Infektion seit nunmehr 7,5 Jahren ohne Medikamente kontrollieren, auch wenn weiterhin ein Virusreservoir nachweisbar ist.

Die Visconti-Kohorte (Viro-Immunological Sustained CONtrol after Treatment Interruption) umfasst 14 Patienten, bei denen eine HIV-Infektion innerhalb von 10 Wochen nach der Ansteckung diagnostiziert werden konnte. Bei einigen Patienten hatte zu diesem Zeitpunkt die Antikörperproduktion erst eingesetzt. Der Westernblot war noch „unvollständig“. Sechs Patienten stammen aus einer Kohorten der französischen Aids ANRS (Agentur Agence nationale de recherches sur le sida et les hépatites virales), die die Chancen einer sofortigen antiretroviralen Therapie erkundet, die anderen wurden an französischen Kliniken entdeckt.

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Bei etwa 15 Prozent dieser Patienten sprach die antiretrovirale Therapie so gut an, dass nach 12 bis 92 Monaten ein Abbruch gewagt wurde. Wie Asier Saez-Cirion vom Institute Pasteur in Paris und Mitarbeiter berichten, nehmen die Patienten seit nunmehr 48 bis 113 Monaten (im Durchschnitt 7,5 Jahre) keine antiretroviralen Medikamente mehr ein. Bei allen liegt die Viruskonzentration heute unter der Grenze von 500 Kopien/mm3, bei allen Patienten ist jedoch noch Virus-DNA in den mononukleären Zellen des peripheren Blutes (PBMC) nachweisbar. Bei keinem der Patienten können deshalb von einer abschließenden Heilung gesprochen werden, warnt Saez-Cirion, der lieber von Post-Therapie Controllern spricht.

In der jüngsten Publikation kann Saez-Cirion zeigen, dass sich die Post-Therapie Controller vom seltenen spontanen HIV-Controller unterscheiden, die manchmal auch als Elite-Controller bezeichnet werden. Dies sind Patienten, die niemals antiretroviral behandelt wurden und bei denen es dennoch auch Jahrzehnte nach der Infektion niemals zu einer manifesten Virämie und einem Abfall der CD4-Zellen kommt und die deshalb auch keine Immunschwäche entwickeln.

Die spontanen HIV-Controller sind vermutlich aus genetischen Gründen vor einer starken Virusvermehrung geschützt. Die Post-Therapie Controller neigen dagegen zu einer sehr starken Virämie, die bei einigen zu Symptomen und damit zur frühen Diagnose der HIV-Infektion geführt hat – bei anderen war es ein Zufallsbefund, weil sie aus anderen Gründen eine Klinik aufgesucht hatten.

Die Patienten der Visconti-Kohorte wurden zwar nicht geheilt. Die frühzeitige Therapie könnte aber zu einem Wendepunkt der Infektion geführt haben, denn bei einigen ist es in den letzten vier Jahren auch ohne Therapie zu einem weiteren Schrumpfen der Virusreservoire gekommen. Damit dürfte die Gefahr, dass es später doch noch zu einem Ausbruch der Erkrankung kommt, vorerst gebannt sein.

Studienleiterin Christine Rouzioux von Hôpital Necker hält es deshalb für gerechtfertigt, von einer „funktionellen Heilung“ zu sprechen. Sie dürfte allerdings auch in Zukunft das Privileg weniger Patienten bleiben, da eine HIV-Infektion nur selten in der Initialphase entdeckt wird und von diesen Patienten nur etwa jeder sechste die Replikation durch eine vorübergehende Therapie dauerhaft unter Kontrolle bekommt. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #98372
Thelber
am Montag, 1. April 2013, 11:09

"antiretriviral" - was ist das ?

Ich kenn nur antibakteriell, retroviral oder viustatisch.
LNS

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