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Medizin

Finanzkrise verschärft gesundheitliches Ungleichgewicht in Europa

Mittwoch, 27. März 2013

dpa

London – Trotz des Wegfalls von Grenzen in Europa haben sich die Lebensverhältnisse noch nicht angeglichen. Die gesundheitlichen Unterschiede zwischen Ost und West sind weiterhin groß und die haushaltspolitischen Maßnahmen in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise könnten laut einer Artikelserie im Lancet neue Lücken reißen.

Nirgendwo sind die Unterschiede zwischen West- und Ostereuropa so gravierend wie in der Lebenserwartung: Männer sterben in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion heute 12 Jahre früher als in Westeuropa. Bei Frauen beträgt der Rückstand 8 Jahre, berichtet ein Team um Martin McKee von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Die Differenz sei heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer, noch immer größer als zu Zeiten des Kalten Krieges. Die Ursache liegt nach Einschätzung des Experten in der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung in Osteuropa und im Versagen des dortigen Gesundheitswesens, einen Anstieg von tödlichen Infektionskrankheiten wie HIV und Tuberkulose aufzuhalten.

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Aber auch der Alkohol- und Tabakkonsum ist in Osteuropa für den Anstieg der Mortalität mitverantwortlich. In Westeuropa wurden hier, beim Tabak erst spät, dagegen Fortschritte erzielt. Ein oft übersehener Beitrag zur Verminderung der Sterblichkeit betrifft die Verkehrssicherheit. So gilt die Einführung der Sicherheitsgurte (und die Akzeptanz durch die Bevölkerung) als eine wichtige Ursache für den Rückgang der Todesfälle im Straßenverkehr. In anderen Bereichen ist Westeuropa nach Ansicht McKees hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Vor allem im Bereich von Nahrungsmitteln, aber auch Tabak und Alkohol würden die EU-Behörden allzu häufig eine proindustrielle Haltung dem Schutz der Bevölkerung vorziehen, beklagt der Experte.

Kindersterblichkeit: Noch große Unterschiede
Defizite bestehen auch in der gesundheitlichen Betreuung von Kindern. Die Kinder­sterblichkeit ist zwar in allen westeuropäischen Ländern gesunken, nicht alle Staaten erreichen aber das Niveau der skandinavischen Länder. Der Rückstand gegenüber Schweden ist nach Berechnungen von McKee in den 15 Kernländern der EU gleichbedeutend mit jährlich 6.000 „vollkommen vermeidbaren“ Todesfällen, wobei McKee aber einräumen muss, dass die Kindersterblichkeit in vielen EU-Ländern seit den 80er Jahren gesunken ist und sich alle Länder hier deutlich angeglichen haben. Es bleiben aber noch krasse Unterschiede. So leben in Schweden nur 1,3 Prozent der Kinder in Armut, während in Portugal mehr als ein Viertel der Kinder in Haushalten aufwächst, die ihnen nicht jeden Tag drei Mahlzeiten anbieten können.

Zu den gesundheitlich benachteiligten Gruppen gehören in Europa die Migranten, deren Anteil in allen Ländern gestiegen ist. Die meisten treffen in den Zielländern in einem überdurchschnittlichen guten Gesundheitszustand ein, infolge der Sprachbarriere, aus Unkenntnis der Versorgungsstrukturen und infolge von Armut verschlechtere sich die Gesundheit viele Immigranten jedoch mit der Zeit, kritisiert McKee. Am schlimmsten trifft es Asylsuchende oder illegale Migranten, die nur noch in fünf EU-Staaten Zugang zum Gesundheitssystem haben (außer in Notfällen), für McKee ein Verstoß gegen internationale Konventionen, die allen Menschen Zugang zur Krankenversorgung garantieren.

Demografischer Wandel überschätzt
Die Folgen der zunehmenden Alterung der Bevölkerung – im Jahr 2060 wird die Zahl der über 65-Jährigen doppelt so hoch sein wie die der unter 15-Jährigen – werden nach Ansicht von McKee dagegen überschätzt. Die Strukturen müssten sich sicherlich den veränderten Erkrankungsspektren mit einer erhöhten Rate von Krebserkrankungen, Hüftfrakturen, Schlaganfällen und Demenzerkrankungen sowie insgesamt mehr multimorbiden Patienten anpassen, dies gefährdet nach Ansicht des Experten jedoch nicht den europäischen Wohlfahrtsstaat. Die in der Öffentlichkeit verbreiteten „alarmistischen Perspektiven“ sind auch Sicht von McKee überzogen.

Finanzkrise mit großen Auswirkungen
Nicht zu unterschätzen seien dagegen die Auswirkungen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich in Griechenland, Spanien und Portugal bereits bemerkbar machen. Die Austeritätsmaßnahmen haben in allen drei Ländern zu den erwarteten Folgen geführt, so zu einem Anstieg der Suizidrate, aber auch einem Rückgang der Verkehrstoten.

Unerwartet war jedoch ein Anstieg der Infektionskrankheiten, den McKee mit den Einsparungen im Gesundheitssystem in Verbindung bringt. Island, das sich den Austeritätsmaßnahmen entzog, hat laut McKee die Krise schneller und ohne einen Anstieg der Suizidrate überstanden. Die Bevölkerung litt zwar wirtschaftlich unter dem Verfall der Währung, die Importe verteuert. Die Auswirkungen auf die interne Krankenversorgung sollen jedoch begrenzt geblieben sein. © rme/aerzteblatt.de

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