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Medizin

Kortison erhöht Thromboserisiko

Dienstag, 2. April 2013

Aarhus – Zu den Nebenwirkungen der Therapie mit Glukokortikoiden (Kortison), einer Gruppe unverzichtbarer Medikamente bei vielen entzündlichen Erkrankungen, gehören vermutlich auch venöse Thromboembolien, wie eine bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie in JAMA Internal Medicine (2013; doi: 10.1001/jamainternmed.2013) zeigt.

Venöse Thromboembolien sind in westlichen Ländern eine häufige Erkrankung, die in der Regel als tiefe Venenthrombose beginnt, Gesundheit und Leben der Patienten aber in erster Linie durch die Gefahr einer Lungenembolie bedroht. Glukokortikoide werden häufig bei chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (Asthma, COPD), bei Autoimmunerkrankungen und bei Krebserkrankungen eingesetzt. In Dänemark wurde 2010 insgesamt 3,5 Prozent der Bevölkerung wenigstens einmal „Kortison“ verschrieben.

Die Varianten des Nebennierenhormons fördern in tierexperimentellen Studien die Bildung venöser Thromben. Thromboembolien sind auch eine bekannte Komplikation des Morbus Cushing, bei dem ein Hypophysentumor zu einer exzessiven Ausschüttung körpereigener Glukokortikoide führt. Die Nebenwirkung lässt sich biologisch plausibel erklären, da Glukokortikoide (ähnlich den ebenfalls zu den Steroiden zählenden Östrogenen) die Bildung von Blutgerinnungsfaktoren in der Leber stimulieren.

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Dass das Risiko auch in der klinischen Anwendung relevant ist, lässt sich dagegen nicht so einfach belegen: Viele mit Glukokortikoiden behandelte Erkrankungen, etwa die Autoimmunerkrankungen, erhöhen ebenfalls das Thromboembolie-Risiko. Andere mit Steroiden behandelte Erkrankungen schränken die Mobilität der Patienten ein, was ebenfalls zu venösen Thromboembolien prädisponiert.

Sigrun Johannesdottir von der Universität Aarhus und Mitarbeiter versuchen die Frage jetzt in einer Fall-Kontroll-Studie zu beantworten. Sie verglichen die Daten von 38.765 Patienten, die in den Jahren 2005 bis 2011 in Dänemark wegen einer venösen Thromboembolie hospitalisiert wurden, jeweils mit zehn Kontrollen aus der dänischen Bevölkerung.

Da die Einwohner nach skandinavischer Tradition in verschiedenen Registern mit der gleichen Identifikationsnummer geführt werden, konnte Johannesdottir bei ihren Berechnungen sowohl klassische Risikofaktoren einer venösen Thromboembolie wie Krebs, Schwangerschaft, Operationen, Unfälle oder Hospitalisierungen berücksichtigen, als auch Begleiterkrankungen und Komedikationen als Störfaktor ausschließen.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Thromboembolie-Risiko vor allem beim systemischen Einsatz von Glukokortikoiden steigt. Für die ersten 90 Tage ermitteln die Forscher eine relative Inzidenzrate (IRR) von 3,06 (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,77-3,38), was 11 zusätzlichen Ereignissen auf 1000 Anwender und Jahr entspricht. Die IRR steigt mit der Dosis (auch wenn es nach einem Gipfel bei einem Prednisolon-Äquivalent von 1000 bis 2000 mg wieder zu einem leichten Abfall kam). Das Risiko ist auf die Dauer der Anwendung beschränkt (was sich mit der reversiblen Synthesesteigerung von Gerinnungsfaktoren erklären lässt) und nimmt in deren Verlauf langsam ab (was für eine gewisse Adaption sprechen mag).

Nach den Berechnungen von Johannesdottir ist auch die inhalative Anwendung von Glukokortikoiden (beispielsweise bei COPD und Asthma) mit einem zweifach erhöhten Risiko assoziiert (IRR 2,21; 1,72-2,86; entsprechend 4 zusätzlichen Ereignissen auf 1.000 Anwender und Jahr). Und auch die intestinale Anwendung (etwa bei entzündlichen Darm­er­krank­ungen) erhöht das Risiko von venösen Thromboembolien: IRR 2,17 (1,27-3,71) entsprechend 11 zusätzlichen Ereignissen auf 1000 Anwender und Jahr. Bei allen Berechnungen war das Risiko auf eine Lungenembolie höher als das Risiko einer tiefen Beinthrombose (die häufiger unerkannt bleibt).

Da die Ergebnisse mit denen der einzigen anderen Untersuchung zu dieser Frage, einer Auswertung britischer Patientenregister (Arch Intern Med. 2007; 167: 935-943), übereinstimmen, dürfte kaum daran zu zweifeln sein, dass der Assoziation eine Kausalität zugrunde liegt, auch wenn eine Fall-Kontroll-Studie niemals alle Kofaktoren berücksichtigen kann. So fehlten Daten zu Lebensstilfaktoren wie Rauchen und Bewegungsmangel. Johannesdottir rät den Ärzten, bei der Verordnung von Glukokortikoiden das nicht unerhebliche Risiko von venösen Thromboembolien zu beachten, auch wenn die Medikamente bei vielen Patienten heute noch unentbehrlich sind. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #667198
nesnes
am Montag, 7. Oktober 2019, 21:20

Kortikoide erhöht Thromboserisiko

Leidet wird in dem Artikel keine Stellungnahme zum Thromboserisiko bei östrogenhaltigen Pillen getroffen. Interessant sind auch Informationen über eventuelle D- Dimere- Erhöhungen. Gibt es Korrelationen zwischen D- Dimere- Erhöhungen und Östrogendosis in Pille? Über eine Informationen wäre ich Ihnen sehr dankbar. A. Sensen
LNS

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