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Medizin

Multiple Sklerose: Daclizumab HYP halbiert Schubfrequenz

Donnerstag, 4. April 2013

Bochum – Der monoklonale Antikörper Daclizumab HYP, eine Variante des 1999 zur Prophylaxe akuter Abstoßungsreaktionen nach Nierentransplantation eingeführten Immunsuppressivums Daclizumab, hat in einer Phase-II-Studie vielversprechende Ergebnisse in der Behandlung der schubförmig remittierenden multiplen Sklerose (RR-MS) erzielt.

Die Schubrate wurde laut der Publikation im Lancet (2013; doi: 10.1016/S0140-6736­(12)62190-4) bereits in der niedrigen Dosis halbiert. Das Auftreten von Melanomen bei zwei Patienten in der höheren Dosierung ist allerdings eine erste Warnung, dass die langfristige Therapie nicht ohne Risiken bleiben könnte.

Daclizumab high-yield process (HYP) hat die gleiche Aminosäuresequenz wie frühere Versionen von Daclizumab, es gibt aber Unterschiede in der Glykosylierung, die die antikörperabhängige zelluläre Zytotoxizität abschwächen soll. Daclizumab bindet auf T-Zellen an die CD25-Untereinheit des Interleukin-2-Rezeptors.

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Es schaltet damit ein Zytokin aus, das für die zelluläre Immunantwort von zentraler Bedeutung ist. Da T-Zellen der wichtigste Akteur in der Autoimmunreaktion ist, die zur Zerstörung der Meylinscheiden im Zentralnervensystem führt, ist Daclizumab HYP ein logischer Therapieansatz, der sich jetzt in der SELECT-Studie (Daclizumab high-yield process in relapsing-remitting multiple sclerosis) als äußerst wirksam erwiesen hat.

An der Studie nahmen an 76 Zentren in Europa und Indien 621 Patienten zwischen 18 und 55 Jahren mit RR-MS teil. Sie wurden im randomisierten Doppelblinddesign auf drei Therapiegruppen verteilt, in denen sie über ein Jahr hinweg alle vier Wochen eine subkutane Gabe mit 150 mg Daclizumab, 300 mg Daclizumab oder Placebo erhielten. Primärer Endpunkt war die jährliche Schubrate.

Sie wurde, wie das Team um Ralf Gold von der Ruhr-Universität Bochum jetzt berichtet, bereits unter der niedrigen Dosierung deutlich gesenkt: Während die Patienten im Placebo-Arm in den ersten 52 Wochen im Mittel 0,46 Schübe erlitten, traten unter der niedrigen Dosis von Daclizumab HYP 150 mg nur 0,21 Schübe auf. Dies entspricht einer Reduktion gegenüber dem Placebo-Arm um 54 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 33–68 Prozent).

Die Zahl der Patienten, die im Verlauf des ersten Jahres keinen einzigen Schub erlitten, wurde von 64 Prozent (unter Placebo) auf 81 Prozent (unter Daclizumab HYP 150 mg) gesteigert. Daclizumab HYP verminderte zudem das Fortschreiten der Behinderungen (in der niedrigen Dosierung um 57 Prozent gegenüber Placebo), und in der Kernspintomographie wurde die Zahl neuer Läsionen deutlich vermindert. Die Autoren hoffen, dass Daclizumab HYP auch unabhängig von der Schubrate in der Lage ist, das Fortschreiten der körperlichen Behinderung zu verzögern. Unter der höheren Dosis von Daclizumab HYP konnte die Effektivität nicht weiter gesteigert werden, so dass die 150 mg Dosierung für die Therapie infrage kommen dürfte.

Ob Daclizumab HYP zur Behandlung der RR-MS eingeführt wird, dürfte jetzt von den Ergebnissen der laufenden Phase-III-Studie (DECIDE) abhängen, die Daclizumab HYP mit Interferon beta 1a vergleicht. Die Zulassungsbehörden werden dann die Sicherheit des Medikaments prüfen müssen. In der SELECT-Studie war die Verträglichkeit gut. Die Patienten klagten unter der Therapie mit Daclizumab HYP nicht häufiger über Nebenwirkungen als Patienten unter Placebo.

Rechneten die Autoren das Auftreten einer erneuten Erkrankungsepisode hinzu, so war die Rate an schweren Nebenwirkungen in der Gruppe mit Daclizumab HYP sogar geringer. Ein Warnsignal ist allerdings das Auftreten eines Melanoms bei zwei Patienten. Beide hatten zwar die höhere Dosis von 300 mg Daclizumab HYP erhalten, die nicht weiter verfolgt wird. Beide sind nach der Entfernung des Tumors auch ohne Rezidiv geblieben. Dennoch gibt die Entwicklung des malignen Hauttumors Anlass zu Bedenken, zumal Interleukin 2, also das Zytokin, das durch Daclizumab HYP blockiert wird, ein Standardmedikament zur Behandlung des malignen Melanoms ist.

Nach Auskunft der Deutschen Gesellschaft für Neurologie leben in Deutschland mindestens 120.000 Patienten mit MS. Jedes Jahr kommen hierzulande bis zu 4.000 neue Fälle hinzu. Der Erkrankungsgipfel liegt um das 30. Lebensjahr. Er verschiebt sich jedoch zunehmen in jüngere Altersgruppen. Ein Beginn im Kindes- und Jugendalter ist heute nicht mehr ungewöhnlich. Die RR-MS ist die häufigste Verlaufsform dieser Erkrankung. © rme/aerzteblatt.de

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