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Politik

„Ich finde die Debatte zu plakativ“

Freitag, 5. April 2013

Köln – Eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie hat eine Diskussion über die Gesundheitsgefahren durch Kohlekraftwerke ausgelöst. Der Untersuchung zufolge sollen 3.100 vorzeitige Todesfälle in Deutschland auf das Konto von solchen Kraftwerken gehen.

Hinzu komme der Ausfall von etwa 700.000 Arbeitstagen durch Atemwegserkrankungen, Herzinfarkte und Lungenkrebs. Die dreckigsten Kraftwerke sind Greenpeace zufolge die Braunkohleanlagen Jänschwalde in Brandenburg und Niederaußem in Nordrhein-Westfalen.

Grundlage für die Berechnungen sind Emissionsdaten aus dem Europäischen Schad­stofffreisetzungs- und Verbringungsregister für das Jahr 2010 und epidemiologische Studien zu den Gesundheitsfolgen von Feinstaub. Die Untersuchung stammt aus dem Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart.

Vattenfall, einer der Betreiber, wies die Darstellungen von Greenpeace zurück. In allen  Braunkohlekraftwerken des Unternehmens würden die gesetzlich vorgegebenen Emissionsgrenzwerte deutlich unterschritten. Das gelte für Stickoxide, Schwefeldioxid und Staub.

5 Fragen an Prof. Dr. Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie, Medizinische Hochschule Hannover

DÄ: Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Greenpeace-Studie?
Welte:  Skeptisch. Aus meiner Sicht stehen wir bei der Forschung zum Thema Feinstaub noch am Anfang – gerade bei den ultrafeinen Partikeln. Die meisten Dinge, die wir über Feinstaub wissen, stammen aus Tier­experimenten, sehr wenig aus humanen Daten. In dieser Situation über die Zahl vorzeitiger Todesfälle zu sprechen, halte ich für spekulativ und wenig wissen­schaftlich. Bei der Greenpeace-Studie handelt es sich um epidemiologische Hochrech­nungen auf der Basis bestimmter Annahmen.

DÄ: Dass Feinstaub gesundheitsschädlich ist, gilt aber doch als gesichert. Oder nicht? 
Welte:  Medizinisch gibt es keinen Zweifel, dass Feinstaub ein Schädigungspotenzial hat. Die Partikel sind entzündungsfördernd und wirken zumindest krankheitsmodulierend. Aber in welchem Ausmaß – das ist unklar. Das ist ein viel komplexeres System, als es uns da vermittelt wird. Ich finde die Debatte zu plakativ.

DÄ: Welche Schadstoffe stammen aus Kohlkraftwerken?
Welte:  Wir reden hier sicherlich nicht nur über Feinstaub, sondern auch über Schadstoffe wie Schwefeldioxid und andere. Wir wissen aus DDR-Zeiten, dass die Zahl von Bronchitiden vor der Wende deutlich höher war. Als Hauptursache wurde die Verschwefelung von Braunkohle angesehen. Das hat sich nach der Wende angeglichen, sicherlich auch durch die bessere Technik. Aber die Kohlkraftwerke zeigen: Wir haben nie eine selektive Exposition. Wir haben immer verschiedene Schadstoffmechanismen nebeneinander, die aufeinander einwirken können.  

DÄ: Was weiß man über die gesundheitlichen Auswirkungen von Feinstaub?
Welte:  Experimentelle Studien zeigen, dass Feinstaub Entzündungsreaktionen triggern kann und zwar über einen langen Zeitraum. Die Partikel lagern sich im broncho­pulmonalen System ab. Je kleiner sie sind, desto weiter dringen sie vor. Die ultrafeinen Partikeln können den Lungenfilter passieren und in den Blutkreislauf gelangen. In den Gefäßen können sie in Thromben eingelagert werden oder gefäßständige Zellen akti­vieren und eine Inflammationsprozess erzeugen. Wenn Sie experimentell ultrafeine Partikel inhalieren lassen, können Sie diese auf MRT-Bildern im Gehirn nachweisen. Diese Partikel können also systemisch wirken. Exakte Daten über Konsequenzen gibt es aber nicht.       

DÄ: Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, um die Feinstaubbelastung zu senken?  
Welte
:  Primär sollten die Filter weiter verbessert werden. Das gilt für den industriellen Bereich aber auch für Autoabgase. Insgesamt muss man die Exposition reduzieren. Allerdings sind die Entfernungen, die solche Partikel zurücklegen können sind groß. Insofern helfen nationale Lösungen nur bedingt. Wir merken ja auch Auswirkungen von Vulkanausbrüchen auf der anderen Seite der Erde. Was in der Diskussion immer vergessen wird: Zigaretten sind wahnsinnige Feinstauberzeuger. © BH/aerzteblatt.de

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