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Medizin

H7N9: Genom verrät Herkunft des neuen Vogelgrippe-Virus

Freitag, 12. April 2013

dpa

Peking – Während aus China immer wieder vereinzelte Erkrankungen und auch Todes­fälle am neuen aviären Influenzavirus H7N9 gemeldet werden, haben Wissen­schaftler des Landes das Erbgut des neuen Vogelgippevirus entschlüsselt. Ihr Bericht im New England Journal of Medicine (2013; doi: 10.1056/NEJMoa1304459) zeigt, dass das Virus vermutlich aus drei Vogelgrippe-Viren entstanden ist.

Nach dem letzten Bericht der Welt­gesund­heits­organi­sation waren bis zum 11. April insge­samt 38 Menschen an der neuen Vogelgrippe erkrankt, zehn sind daran gestorben. Die Erkrankungen sind weiter auf Shanghai und die umgebenden Provinzen beschränkt. Sie treten sporadisch auf, ohne Hinweise auf eine Mensch-zu-Mensch Übertragung, so dass die Experten davon ausgehen, dass es sich um eine rein zoonotische Infektion handelt.

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Wie hoch das Infektionsrisiko ist, lässt sich derzeit nicht sagen. Da es noch keine serolo­gischen Test für ein Massen-Screening gibt, bleibt auch unklar, ob die Infektionen auf die wenigen bekannt gewordenen Fälle beschränkt sind, oder ob diese nur die Spitze eines Eisbergs vieler leichter und vielleicht auch inapparenter Verläufe sind.

Tatsache ist, dass schwere Verläufe mit Todesfällen möglich sind. Gefährdet dürften Menschen sein, die engen Kontakt zum infizierten Geflügel haben und die durch Grunderkrankungen geschwächt sind. Diese lagen bei den drei ersten Patienten vor, deren Krankengeschichten das Team um Yuelong Shu vom chinesischen Center for Disease Control and Prevention in Peking vorstellt.

Der erste Patient, ein 87 Jahre alter Mann, hatte eine arterielle Hypertonie und er litt unter einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Der zweite Patient, ein 27 Jahre alter Mann, litt an einer aktiven Hepatitis B (HBAg positiv). Der dritte Patient, eine 35 Jahre alte Frau, hatte ebenfalls eine Hepatitis B, sie war außerdem adipös und litt an einer Depression.

Die Patienten 2 und 3 hatten in der Woche vor Ausbruch der Erkrankung Kontakt zu Geflügel gehabt. Der junge Patient 2 war von Beruf Schlachter (allerdings von Schweinen). Alle drei Patienten erkrankten an hohem Fieber, Husten und Dyspnö. Bei allen kam es zu einer schweren Pneumonie mit Atemnotsyndrom (ARDS). Die Röntgenaufnahmen zeigten diffuse Schattierungen und Konsolidierungen der Lungen.

Zwei Patienten starben 6 Tage, der dritte 19 Tage nach Beginn der Erkrankung. Bei zwei Patienten kam es zur Rhabdomyolyse, die bei systemischen Grippeerkrankungen sonst selten beobachtet wird. Ob es sich um einen Zufall oder eine Besonderheit der H7N9-Infek­tion handelt, ist aufgrund der geringen Fallzahl offen. Alle drei Patienten wurden mit Oseltamivir behandelt, allerdings erst am Tag 7 und 8 der Erkrankung, was erfahrungsgemäß zu spät ist. Auch eine Antibiotikatherapie (die sekundäre Infektionen verhindern oder behandeln soll) konnte den Tod nicht mehr abwenden.

Mittels Polymerase-Kettenreaktion wurde bei allen drei Patienten eine Infektion mit H7N9-Viren bestätigt. Den chinesischen Virologen gelang es außerdem innerhalb kurzer Zeit das Genom der Viren aus allen drei Isolaten zu sequenzieren. Sie fanden bekannte Gene aus drei unterschiedlichen Vogelgrippe-Viren. Sechs der acht Virusgene stammen von einem H9N2-Virus, das eine Finken-Art befällt. Das Neuraminidase-Gen (N) wurde von H7N9-Viren von Wildvögeln übernommen. Das Hämagglutinin-Gen (H) konnte auf ein H7N3-Vogelgrippevirus zurückgeführt werden, das Enten befällt.

Alle drei Vogelviren waren zuvor niemals beim Menschen aufgetreten. Damit das neue Virus Menschen infizieren kann, müssen Mutationen im Gen für das Oberflächenprotein Hämagglutinin (HA) hinzukommen, mit dem die Viren an den Zellen in den Atemwegen binden. Die Forscher fanden zwei derartige Mutationen (Q226L, T160A). Sie deuten darauf hin, dass die Erkrankung auch andere Säugetiere infizierten könnte.

Ältere Virustatika vermutlich nicht wirksam
Weitere Analyse der Gensequenz lassen vermuten, dass ältere Virustatika wie Amantadin nicht wirken. Bei einem der drei Patienten wurde auch eine Mutation gefunden, die die Empfindlichkeit auf Neuraminidase-Inhibitoren (also Oseltamivir und Zanamivir) herabsetzt. Ob dies klinisch relevant ist, dürften die Behandlung weiterer Patienten zeigen, die sich infolge der Publizität möglicherweise früher in Behandlung begeben.

Die US-Centers for Disease Control and Prevention teilten mit, dass am Dienstag Virusisolate (des dritten Patienten) in Atlanta eingetroffen sind. Damit können auch die US-Labors an der Entwicklung eines Serumtests arbeiten, der ein kostengünstiges Screening einer größeren Personengruppe ermöglichen würde.

Mangels früherer H7N9-Epidemien dürften Menschen aller Altersgruppen empfänglich für die Erkrankung sein. Einen wirksamen Impfstoff gibt es derzeit nicht. Die Entwicklung einer Vakzine dürfte zur Diskussion stehen. Er würde allerdings nur benötigt, wenn es zum Ausbruch einer Epidemie käme, wofür es derzeit keine Anzeichen gibt. © rme/aerzteblatt.de

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