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Medizin

Marathonläufer: Hospitalisierungen nach Analgetika-Selbst­medikation

Montag, 22. April 2013

dpa

Erlangen – Viele Marathonläufer nehmen vor und während des Rennens rezeptfrei erhältliche Schmerzmittel ein, häufig in supratherapeutischen Dosierungen. Eine Kohor­tenstudie in BMJ Open (2013; doi 10.1136/bmjopen-2012-002090) dokumentiert jetzt eine erhöhte Rate von potentiell gefährlichen Nebenwirkungen. Die Läufer selbst waren sich der Risiken nicht bewusst.

Marathon- und Halbmarathon sind für viele Sportler nicht ohne Schmerzmittel vorstellbar. Unter den Teilnehmern des Bonn-Marathons 2010 nahm jeder Zeite vor dem Rennen Analgetika ein. Von diesen hatte jeder fünfte auch in der Trainingsphase zumeist auf Diclofenac oder Ibuprofen zurückgegriffen, die ohne Rezept und ohne Mengen­be­schränkung in der Apotheke erhältlich sind. Auch Acetylsalicylsäure (ASS), Parace­tamol, Celecoxib, Dipyron, Etoricoxib, Meloxicam und Naproxen waren eingenommen worden.

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Nicht selten wurden supratherapeutische Dosierungen eingesetzt, wie eine Umfrage des Schmerzzentrums Bonn/Bad Godesberg und des Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität Erlangen ergab. So sagten 11 Prozent der Athleten, dass sie mehr als 100 mg Diclofenac einnehmen würden. Bei Ibuprofen lagen 43 Prozent mit 800 mg über dem zweifachen der empfohlenen Dosis. Die Frage, ob sie über die Risiken der Analgetika beim Ausdauersport informiert seien, verneinten 93 Prozent der Befragten.

Der unkritische und zu hohe Analgetikakonsum wurde vom Team um Kay Brune schon des Öfteren – auch im Deutschen Ärzteblatt – thematisiert. In der aktuellen Studie hat das Team erstmals die Nebenwirkungen dokumentiert. Unter den Teilnehmern, die Analgetika nahmen, berichteten 16 Prozent während oder nach dem Rennen über Beschwerden, viermal häufiger als unter den Teilnehmern, die keine Analgetika eingenommen hatten (Kontrollgruppe). Dort hatten 4 Prozent über Symptome geklagt.

Die Inzidenz der Nebenwirkungen korrelierte mit der Dosis der Schmerzmittel, was ein Hinweis auf eine Kausalität ist. Es überwogen gastrointestinale Beschwerden, die eine bekannte Nebenwirkung der konsumierten nichtsteroidalen Antiphlogistika sind. So klagten 14 Prozent der Analgetikaanwender über gastrointestinale Krämpfe (weniger als ein Prozent in der Kontrollgruppe). Bei 3 Prozent der Analgetikaanwender führten sie sogar zum Abbruch des Rennens (1 Prozent in der Kontrollgruppe).

Gastrointestinale Beschwerden (bis hin zur Blutung) waren jedoch nicht die einzige Folge des Analgetika-Konsums. Die Anwender klagten auch häufiger über Herz-Kreislauf-Ereignisse während und nach dem Rennen. Insgesamt 4 Prozent der Analgetika­anwender gaben eine Hämaturie an (0 Prozent in der Kontrollgruppe). 9 Teilnehmer mussten innerhalb der ersten drei Tage nach dem Rennen im Krankenhaus behandelt werden.

Alle hatten Analgetika eingenommen, und nach Einschätzung von Brune waren die Analgetika die Ursache für die Hospitalisierung: Drei Patienten erlitten nach Einnahme von Ibuprofen ein vorübergehendes Nierenversagen, bei vier kam es nach ASS zu gastrointestinalen Blutungen. Zwei hatten nach ASS sogar einen Herzinfarkt erlitten, ein überraschender Befund, wie Brune anmerkt, da ASS zur Prävention von Herzinfarkten eingesetzt wird und einer der beiden Patienten das Präparat auch aus diesem Grund eingenommen hatte.

Brune führt die Komplikationen auf die Hemmung der Cyclooxygenase zurück, die im Körper die Produktion von Prostaglandinen reguliert. Er vermutet, dass Prostaglandine unter der Extrembelastung des Marathons vermehrt ausgeschüttet werden und dann eine schützende Wirkung haben.

Die meisten der von den Teilnehmern konsumierten Analgetika würden die Schutz­funktion der Prostaglandine für Mukosa und Nierenfunktion aufheben. Der Pharma­kologe sieht den Einsatz der Analgetika bei Ausdauersportarten kritisch. Da die Kohortenstudie die Kausalität nicht zweifelsfrei belegen kann, fordert Prof. Brune weitere Untersuchungen zu der Frage, ob Ausdauersportlern besser vollständig vom Einsatz von Analgetika abgeraten werden sollte. © rme/aerzteblatt.de

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