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Medizin

Hämatologen fordern gerechte Preise für Leukämiemedikamente

Freitag, 26. April 2013

Detail aus einem Knochenmarkausstrich mit zahlreichen Vorstufen der myeloischen Reihe (gefärbte Zellen, ungefärbte Zellen = Erythrozyten wikipedia

Houston – Die Behandlungschancen bei der Chronisch Myeloischen Leukämie (CML) haben sich im letzten Jahrzehnt deutlich verbessert. Doch die Kosten für die Medika­mente sind ins Uferlose gestiegen, beklagt eine Gruppe von 120 Hämatologen aus 5 Kontinenten in Blood (2013; doi: 10.1182/blood-2013-03-490003). Sie fordert einen gerechten Preis (justum pretium).

Der Tyrosinkinase-Inhibitor Imatinib, der 2001 eingeführt wurde, hat die Erwartungen bei weitem übertroffen. Dies trifft sowohl für die Patienten als auch für den Hersteller zu. Für die Patienten ist die 10-Jahres-Überlebensrate auf mehr als 80 Prozent gestiegen. Zuvor überlebten weniger als 20 Prozent so lange.

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Imatinib ist aus medizinischer Sicht eines der erfolgreichsten Krebsmedikamente der letzten Jahrzehnte. Auch der Hersteller Novartis darf sich über den Erfolg freuen. Denn das Mittel, das ursprünglich ohne große Gewinnerwartung als eine „Geste des guten Willens“ entwickelt wurde, hat sich zum umsatzstärksten Medikament des Konzerns entwickelt. Im letzten Jahr erzielte Novartis einen Erlös von 4,7 Milliarden US-Dollar.

Dies ist nicht allein den hohen Behandlungszahlen zu verdanken, sondern auch den gestiegenen Medikamentenpreisen. Als Gleevec (in Europa Glivec) eingeführt wurde, lagen die Medikamentenkosten in den USA bei 30.000 US-Dollar pro Jahr. Im Jahr 2012 verlangte der Hersteller das Dreifache, nämlich 92.000 US-Dollar. Diesen Anstieg führt der Hersteller auf die hohen Kosten für klinische Studien zurück (für einige neue Indikationen, die nach 2001 für Imatinib hinzugekommen sind).

Doch die Gruppe um Hagop Kantarjian vom MD Anderson Cancer Center in Houston hat eine andere Erklärung. Der Einführungspreis im Jahr 2001 habe sich wohl eher an den Kosten der vormaligen Standardtherapie mit Interferonen orientiert, schreiben sie. Heute richte man sich nach den Kosten der seither eingeführten weiteren Tyrokinase-Inhibitoren, die in den USA über 100.000 US-Dollar pro Jahr kosten.

Nilotinib (als Tasigna ebenfalls von Novartis) kostet 115.000 US-Dollar pro Jahr, Danatinib (als Sprycel von Bristol-Myers Squibb) sogar 123.500 US-Dollar pro Jahr. Auch die beiden im letzten Jahr hinzugekommenen Tyrosinkinasehemmer sind nicht billiger: Ponatinib (als Iclusig von ARIAD Pharmaceuticals) kostet 138.000 US-Dollar pro Jahr. Für Bosutinib (als Bosulif von Pfizer) werden 118.000 US-Dollar pro Jahr verlangt.

Novartis verteidigt die hohen Preise mit dem Hinweis, dass in den USA aufgrund des begrenzten Versicherungsschutzes nur wenige Patienten den vollen Preis zahlen würden. Den meisten würde in der einen oder anderen Form ein Rabatt gewährt. Kantarjian vermutet dagegen, dass auch in den USA viele Patienten gar keine Behandlung erhalten. Studien hätten gezeigt, dass 10 Prozent der Krebspatienten in den USA nicht die notwendigen Medikamente erhalten würden (als Quelle wird ein Artikel im Economist aus 2011 genannt).

Der Vergleich zwischen den Ländern zeigt, dass die Preise von Gleevec und Glivec von Land zu Land schwanken. In Russland verlangt Novartis einer Tabelle von Kantarjian zufolge umgerechnet 24.000 US-Dollar. Deutschland ist mit 54.000 US-Dollar das zweitteuerste Land. Die Hersteller rechtfertigen die Unterschiede in der Regel mit einer globalen „Mischkalkulation“. Überraschend günstig bezogen auf den Wohlstand des Landes ist Glivec in Südkorea (28.500 US-Dollar pro Jahr). Kantarjian führt dies auf die Konkurrenz durch Radotinib zurück, dass der lokale Anbieter Il-Yang Pharmaceutical für 21.500 US-Dollar im Jahr anbietet.

Konkurrenz hat Preise steigen lassen
Entgegen marktwirtschaftlichen Erwartungen hat die Konkurrenz verschiedener Anbieter die Preise nicht gesenkt, sondern im Gegensatz ansteigen lassen. Hier hat sich nach Einschätzung von Kantarjian ein „kollektives Monopol“ gebildet. Ob sich dies demnächst ändert, bleibt abzuwarten. Das oberste Gericht Indiens hat kürzlich entscheiden, dass Imatinib nicht patentiert werden kann. Dort könnten in nächster Zeit Mitbewerber auftreten. In Europa und den USA ist das Mittel noch patentgeschützt. In den USA sollte der Patentschutz eigentlich Ende Mai diesen Jahres auslaufen, die Frist wurde inzwischen aber auf Januar 2015 verlängert.

Bis dahin will die Gruppe um Kantarjian nicht warten. Sie fordern schon jetzt einen „gerechten“ Preis für Tyrosinkinasehemmer. Dieser soll in einem Dialog aller beteiligten Parteien ausgehandelt werden. Ob dies Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten. Als erfolgreiches Druckmittel hat sich im letzten Jahr ein Boykott erwiesen.

Mediziner des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York hatten sich geweigert, das Darmkrebsmittel Aflibercept einzusetzen, das als Zaltrap von Sanofi im August 2012 zugelassen wurde. Es sollte ursprünglich doppelt so viel kosten wie Avastin von Genentech (Wirkstoff Bevazizumab). Das sahen die Onkologen nicht ein. Als dann auch noch die New York Times das Thema aufgegriffen hatte, knickte der Hersteller Sanofi ein. Bereits im November wurde der Preis halbiert. © rme/aerzteblatt.de

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