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Politik

Ostbeauftragter fordert Aufklärung von Medikamententests in der DDR

Montag, 13. Mai 2013

Halle – Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), fordert eine vollständige Aufklärung gefährlicher Medikamententests westlicher Firmen in der DDR. „Die vorliegenden Fakten müssen rückhaltlos untersucht und die Hintergründe aufgeklärt werden“, sagte Bergner der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung vom Mon­tag. „Es wäre ein schwerer Skandal, wenn tausende DDR-Bürger – vermutlich sogar unter Verletzung von Rechtsvorschriften der DDR zu billigen und wohlfeilen Versuchs­kaninchen gemacht worden wären.“

Zuvor hatte der Spiegel berichtet, bis zum Mauerfall seien in mehr als 50 DDR-Kliniken unter anderem Herzmedikamente und Antidepressiva getestet worden – oft ohne Wissen der Betroffenen. West-Pharmahersteller gaben demnach bei DDR-Kliniken mehr als 600 Arzneimittelversuche in Auftrag. Für einzelne Studien seien viele hunderttausend D-Mark gezahlt worden.

Wissenschaftler an der Berliner Charité wollen die Vorwürfe nun untersuchen. Die Stasi-Landesbeauftragten in Ostdeutschland hatten bereits Ende April eine umfassende Studie gefordert. Berichte über Medikamententests in DDR-Krankenhäusern sind nicht neu. Bereits 1991 hatte eine Kommission in den Kliniken Ost-Berlins „Arzneimittel­prüfungen am Menschen“ untersucht, wie das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium mitteilte. Ende 2012 war in Medienberichten von rund 165 Medikamentenstudien die Rede gewesen.

Spiegel: Studienabbrüche nach Todesfällen
Der Spiegel schreibt nun, dass mehrere Testreihen wegen Todesfällen abgebrochen werden mussten und beruft sich auf Akten des DDR-Ge­sund­heits­mi­nis­teriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR.

Bergner sagte der Zeitung, ihn erschütterten insbesondere die Hinweise auf offenbar konspirative Verhandlungen zwischen DDR-Funktionären und Konzernmanagern. Das klinge sehr nach vorsätzlicher Missachtung medizinethischer Grundsätze unter Umge­hung der zuständigen Kontrollbehörden. Derartige Vergehen „verlangen eigentlich nach strafrechtlicher Aufarbeitung“, sagte der CDU-Politiker. Mögliche Entschädigungen müssten aus seiner Sicht „vor allem durch die Profiteure der Aktionen“ gezahlt werden.

Entschädigungen und strafrechtliche Konsequenzen forderte auch Unionsfraktionsvize Arnold Vaatz (CDU). „Wenn es zu körperlichen Schäden bis hin zur Todesfolge gekommen ist, dann stellt sich die Frage nach Schadenersatz und Ausgleichszahlungen. Und dann ist auch die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung zu beantworten“, sagte Vaatz der Berliner Zeitung vom Montag. Es handele sich um ein Offizialdelikt, bei dem die Staatsanwaltschaft von sich aus tätig werden müsse. Wenn die Fälle aber in kein rechtliches Schema passten, müsse sich der Gesetzgeber damit befassen.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, warf der Pharmaindustrie vor, habe sich die autoritären Bedingungen der SED-Diktatur zunutze gemacht. Eine Sprecherin der Jahn-Behörde sagte zudem, es gebe ausführliche Dokumente darüber, dass die Stasi die Beziehungen westdeutscher Pharmafirmen mit dem DDR-Gesundheitssektor sorgfältig im Blick gehabt habe, da es um Devisen gegangen sei.

Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, sieht die Bundesregierung und die Pharmakonzerne in der Pflicht. „Wer Menschen, die sich nicht wehren können, als Versuchskaninchen missbraucht, handelt inhuman“, sagte Knabe. Sollten tatsächlich mehr als 50 000 Menschen als Testpatienten gedient haben, sei das einer der größten Medizinskandale der Nachkriegsgeschichte. Die Organisation DDR-Opfer-Hilfe kritisierte, es sei „ein Skandal, dass ethische Grundsätze gegen Westgeld offenbar planmäßig über Bord geworfen wurden“.

Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) erklärte, die Tests hätten damals allgemein üblichen Standards für klinische Studien entsprochen. Hauptge­schäftsführerin Birgit Fischer betonte: „Das DDR-Recht machte Vorgaben für die Durchführung klinischer Prüfungen, die denen westlicher Staaten und auch der USA vergleichbar waren.” Zudem seien viele der Studien nach dem DDR-Prüfplan parallel in westlichen Ländern durchgeführt worden.

Der Charité-Historiker Volker Hess will die Vorgänge untersuchen und warnte davor, vorauseilend zu skandalisieren. „Ich würde nie von Menschenversuchen sprechen, das ist eine andere Kategorie.“ Es handele sich um klinische Arzneimittelversuche, die nach gängigen Regeln durchgeführt wurden, sagte der Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Charité, Hess. Eine der nun zu klärenden Fragen sei, ob und wie beide Seiten von den Tests ökonomisch profitiert hätten. Die Idee seines Forschungsprojekts sei es, alle Beteiligten - also auch die Pharmaunternehmen - einzubinden. „Wir wollen prüfen, ob alles mit rechten Dingen zuging.“afp/dpa © afp/dpa/aerzteblatt.de

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