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Politik

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz: Experten sehen dringenden Handlungsbedarf

Dienstag, 14. Mai 2013

dpa

Berlin – Belastungen am Arbeitsplatz führen immer öfter zu psychischen Erkrankungen bei Arbeitnehmern. Somit seien sie zu einem Problem geworden, auf das auch der Gesetzgeber Antworten finden sollte, forderte eine Mehrheit von Sachverständigen gestern in einer Anhörung des Ausschusses für Arbeit und Soziales. Gegenstand der Anhörung waren vier Anträge zu psychischen Belastungen in der Arbeitswelt.

Die drei Anträge der Oppositionsfraktionen konzentrieren sich vor allem darauf, eine „Anti-Stress-Verordnung“ zu fordern, mit der Regelungslücken im Arbeits- und Gesundheitsschutz geschlossen werden können. Sie begründen ihre Initiativen mit der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen bei den Beschäftigten. Die Verordnung müsse, so heißt es im SPD-Antrag (17/12818), einen verbindlichen Bezugsrahmen für Betriebe und Aufsichtsbehörden schaffen. Faktoren wie Arbeitsorganisation, Gestaltung der Arbeitsaufgabe und Arbeitszeit sollten darin berücksichtigt werden, schreiben die Sozialdemokraten. Sie werfen der Bundesregierung vor, den Handlungsbedarf angesichts der Zunahme arbeitsbedingter psychischer Belastungen zu ignorieren.

Bündnis 90/Die Grünen stellen in ihrem Antrag (17/10867) fest, dass in Deutschland zwar Arbeitsschutzgesetze existierten, es aber ein „Umsetzungsdefizit“ auf betrieblicher und gesetzgeberischer Ebene gebe. So fehlten vielen Betrieben Gefährdungs­beur­teilungen, die aufzeigen, welche gesundheitlichen Belastungen auftreten und wie sie vermieden werden können.

Die Fraktion Die Linke betont, dass es entscheidend sei, dass Beschäftigte ihre Arbeits­bedingungen stärker mitgestalten können. Stress entstehe hauptsächlich dann, wenn ein hoher Verantwortungsumfang mit nur einem geringen Handlungsspielraum bei der Gestaltung des Arbeitsprozesses einhergeht, schreibt die Fraktion in ihrem Antrag (17/11042).

Die Abgeordneten von CDU/CSU und FDP verlangen in ihrem Antrag (17/13088) von der Bundesregierung, durch mehr Öffentlichkeitsarbeit bei Unternehmen, Verwaltungen und Belegschaften für mehr betriebliche Gesund­heits­förder­ung zu werben. Außerdem müssten der Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und psychischen Erkran­kungen besser erforscht werden, heißt es in dem Antrag. Grundsätzlich betonen beide Fraktionen jedoch das Prinzip der freiwilligen Lösungen für die Betriebe.

Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), betonte die besondere Rolle von Führungskräften. Sie seien eine wichtige Schnittstelle, wenn es darum ginge, Angestellten mit psychischen Erkrankungen zu helfen. Ihre Schu­lung müsse deshalb dringend verbessert werden, sagte Panter.

Versorgungskette oft unterbrochen
Rund zehn Prozent der Betriebs- und Werksärzte in Deutschland seien hinsichtlich einer Erstintervention inzwischen geschult. „Dann aber wird die Versorgungskette häufig unter­brochen“, bemängelte Panter, „weil die Betroffenen zu lange auf einen Psychotherapie­platz warten müssen“. Dadurch würden oftmals Chronifizierungen entstehen. Um dem abzuhelfen, würden große Unternehmen häufig Verträge mit Therapeuten außerhalb der vertragsärztlichen Versorgung abschließen. „Doch das kann nicht die Regel sein“, betonte der VDBW-Präsident.

Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, wies auf die Aus­wirkungen von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz hin: Depression, Angst­störungen, Suchterkrankungen, Schlafstörungen bis hin zu Suizidalität. „Wir haben keine Zahlen, wie viele Menschen sich jährlich aufgrund von psychischen Belastungen im Zusammenhang mit der Arbeit umbringen“, kritisierte Richter.

Alfred Lenz, leitender Werksarzt von BMW in Regensburg, unterstrich ebenfalls die wichtige Funktion von Führungskräften: „Jeder leitende Mitarbeiter sollte sich als Vorbild und Ansprechpartner sehen.“ Die Kommunikation mit den Mitarbeitern spiele dabei eine entscheidende Rolle und sollte idealerweise 30 Prozent der Führungsaufgaben aus­machen.

BMW biete entsprechende Schulungen an. Auch für die Mitarbeiter gebe es Programme zum Gesundheitsmanagement, die im Wesentlichen darauf abzielten, die persönliche Resilienz zu stärken. Denn Stress am Arbeitsplatz führe meist nur dann zu psychischen Erkrankungen, wenn private Probleme oder auch bestimmte Persönlich­keitseigenschaften hinzukommen.

Den von den Oppositionsparteien geforderten Anti-Stress-Verordnungen und Gefährdungsbeurteilungen erteilte Lenz eine Absage: „Wir brauchen individuelle bedarfsorientierte Lösungen und mehr Schulungen“.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) begrüßte die Initiativen der Opposition, die seiner Meinung nach in vielen Punkten mit den Positionen des DGB übereinstimmten. Sein Vertreter Ingo Nürnberger sagte in der Anhörung, es sei richtig, den gesetzlichen Druck auch durch entsprechende Sanktionen zu erhöhen.

Er teilte nicht die Ansicht der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dass zunächst mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung und Auswirkungen von Stress in den Betrieben nötig sei. „Wir wissen schon sehr viel über Stress am Arbeitsplatz und über die Auswirkungen von Schichtarbeit“, entgegnete er Norbert Breutmann vom BDA.

Breutmann hatte zuvor angemerkt, dass sich die Arbeitswelt sehr wohl verändert habe, aber man noch nicht das wissenschaftliche Feedback für die nötigen Bedarfsanalysen verfüge. Deshalb lehne die BDA auch die von der Opposition geforderte Anti-Stress-Verordnung ab. Diese gefährde die erfolgreich bestehenden Strukturen des betrieblichen Gesundheitsschutzes. Das geltende Arbeitsschutzrecht sehe ausreichende Regelungen vor, um arbeitsbedingten psychischen Gefährdungen entgegenzuwirken.

Dem widersprach Andrea Fergen von der IG Metall. Es fehle sehr wohl an konkretisierenden Verordnungen, sagte sie. Dies führe zu Rechtsunsicherheit und sorge für eine Reihe von Problemen bei den betrieblichen Akteuren. Eine Anti-Stress-Verordnung wäre eine adäquate Rechtsgrundlage, sagte Fergen. © pb/aerzteblatt.de

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