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Medizin

USA: Institute of Medicine gegen zu strenge Kochsalzrestriktion

Mittwoch, 15. Mai 2013

dpa

Washington – Neuere Studienergebnisse zum Einfluss des Salzkonsums auf die Gesundheit lassen das US-amerikanische Institute of Medicine (IOM) daran zweifeln, dass eine Restriktion des Natriumkonsums auf 1.500 mg am Tag, wie ihn medizinische Fachgesellschaften empfehlen, sinnvoll ist. Laut dem jetzt veröffentlichten Report könnte eine Zufuhr von weniger als 2300 mg am Tag bestimmten Gruppen sogar gefährlich werden. Die American Heart Assocation (AHA) kritisiert den Report.

US-Kardiologen fordern seit vielen Jahren, dass die Bevölkerung den Natriumkonsum radikal einschränkt. Mittlerweile liegt er bei 3.400 mg (entspricht 8.500 mg Kochsalz) und steigt weiter an. Als Ziel werden 1.500 mg Natrium (3,75 g Salz) ausgegeben. Die AHA kann sich dabei auf epidemiologische Studien berufen, in denen ein höherer Salzkonsum mit einem Anstieg des Blutdrucks verbunden ist.

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Die Hypertonie ist, so die AHA, für 35 Prozent aller Herzinfarkte und Schlaganfälle, 49 Prozent aller Herzinsuffizienzen und 24 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle verant­wortlich. Interventionsstudien haben gezeigt, dass eine salzarme Kost, etwa die DASH-Diät, den Blutdruck von Hypertonikern senken kann. Dennoch ist der Blutdruck ein „Surrogat-Parameter“ und die Beweislage, dass eine salzarme Diät tatsächlich die „harten“ kardiovaskulären Endpunkte vermeiden kann, ist nach Einschätzung der meisten Experten schwach.

Seit einigen Jahren mehren sich die Hinweise, dass eine allzu aggressive Salzrestriktion bestimmten Menschen sogar schaden könnte. Der Report des IOM zitiert beispielsweise eine 2011 im US-amerikanischen Ärzteblatt veröffentlichte Studie an 28.800 Teilnehmern aus zwei großen Medikamentenstudien (ONTARGET und TRANSCEND zur Wirkung von Telmisartan bei Patienten über 55 Jahre mit kardiovaskulären Vorerkrankungen oder Diabetes).

Dort mussten Teilnehmer mit einer Natriumausscheidung von 3.000 Milligramm am Tag im Urin in der Nachbeobachtungszeit von bis zu 56 Monaten häufiger wegen einer Herzinsuffizienz hospitalisiert werden als Teilnehmer mit einer höheren Natrium­ausscheidung. Auch das kardiovaskuläre Sterberisiko war signifikant erhöht (M. O’Donnell et al. JAMA 2011; 306: 2229-2238).

In einer kleineren Interventionsstudie an 232 Patienten mit einer Herzinsuffizienz im Stadium NYHA II-IV war es unter einer salzarmen Kost (Natriumzufuhr 1980 mg pro Tag) dreifach häufiger zu Hospitalisierungen wegen einer Herzinsuffizienz gekommen als bei einer Natriumzufuhr von 2760 mg pro Tag. Auch das Sterberisiko war mehr als ver­doppelt, wobei das Signifikanzniveau in diesem Endpunkt verpasst wurde (S. Paterna et al. Clinical Science 2008; 114: 221–230).

Aggressive Natriumrestriktion könnte für manche Grupen schädlich sein
Für das IOM sind dies Hinweise (wenn auch keine abschließenden Beweise), dass eine für gewisse Patientengruppen, beispielsweise solche mit Diabetes, Nieren- oder Herzerkrankungen schädlich sein könnte. Vor allem für den Bereich einer Natriumzufuhr von 1.500 bis 2.300 mg am Tag sieht das IOM Forschungsbedarf. So lange es hier keine sicheren Erkenntnisse gebe, sollte der Bevölkerung nicht zu einer Restriktion der Natrium­zufuhr auf weniger als 2.300 mg am Tag geraten werden, schreibt die Experten­gruppe um Brian Strom von der Perelman School of Medicine in Philadelphia in dem Report.

Dass US-Amerikaner und die Bewohner anderer Industriestaaten die Natriumzufuhr von 2.300 mg pro Tag unterschreiten, ist indes kaum zu befürchten. Das meiste Salz ist in Fertignahrungsmitteln und Brot enthalten. Da immer mehr Menschen in Kantinen essen, ist die durchschnittliche Natriumzufuhr im letzten Jahrzehnt in den USA sogar noch weiter gestiegen.

Scharfe Kritik der American Heart Assocation
Die AHA hat in einer ersten Stellungnahme den IOM-Report scharf kritisiert. Die Kardiologen halten die zitierten Studien für methodisch schwach. Sie warnen davor, Empfehlungen auf Beobachtungsstudien zu basieren, die zu völlig anderen Fragestellungen durchgeführt wurden, siehe die JAMA-Studie. Detailliert hatte sich die AHA mit den Argumenten der „Salzkritiker“ kürzlich in einer Presidential Advisory beschäftigt, die in Circulation veröffentlicht wurde (2012; doi: 10.1161/CIR.0b013e318279acbf).

Man halte weiter an der Empfehlung einer Natriumzufuhr von unter 1.500 mg am Tag fest, erklärte jetzt AHA-Sprecherin Elliott Antman vom Brigham and Women's Hospital in Boston. Die AHA bemüht sich seit einiger Zeit darum, die Hersteller von Fertig­nahrungsmitteln per Gesetz auf eine Einschränkung des Salzgehalts festzulegen. Der Report des IOM, das als Teil der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften die Politik berät, könnte die Lobby-Arbeit der AHA in dieser Frage torpedieren. © rme/aerzteblatt.de

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