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Medizin

Darmbakterien beeinflussen emotionale Hirnfunktionen

Mittwoch, 29. Mai 2013

Los Angeles – Ärger kann bekanntlich auf den Magen schlagen. Doch die Verbindung zwischen Gemüt und Verdauung funktioniert möglicherweise auch in die andere Richtung. Eine Studie in Gastroenterology (2013; doi: 10.1053/j.gastro.2013.02.043) zeigt, wie Probiotika nach vier Wochen die Reaktion des Gehirns auf emotionale Stressoren veränderten.

Zu Beginn der Studie wurde bei den Probandinnen, 36 Frauen im Alter von 18 bis 55 Jahren, mit der funktionellen Kernspintomographie untersucht, wie sie auf Emotionen reagieren. Die Untersuchung registrierte, wie sich die Durchblutung des Gehirns in bestimmten Arealen veränderte, wenn die Frauen in einem Test die Bilder von wütenden oder ängstlichen Personen sortieren mussten.

Danach wurden die Frauen in drei Gruppen eingeteilt. Ein Drittel erhielt die Auflage täglich einen probiotischen Joghurt zu essen, das zweite Drittel erhielt ein nicht-fermentiertes Milchprodukt, das aussah und schmeckte wie ein Joghurt, aber keine lebenden Bakterien enthielt. An die dritte Gruppe wurden keine Milchprodukte ausgeteilt.

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Nach vier Wochen wurden die kernspintomographischen Untersuchungen wiederholt. Schon bei der ersten Aufnahme vor dem Test registrierten Kirsten Tillisch vom Oppenheimer Family Center for Neurobiology of Stress in Los Angeles und Mitarbeiter einen Einfluss der vierwöchigen Probiotikabehandlung. Die Verbindungen zwischen dem periaquäduktalen Grau und kognitiven Zentren im präfrontalen Cortex seien stärker geworden, berichtet die Forscherin.

Das periaquäduktale Grau ist eine evolutionär alte Struktur im Hirnstamm, die unter anderem Angst- und Fluchtreflexe koordiniert. Bei den Frauen in den Kontrollgruppen waren Verbindungen zwischen dem periaquäduktalen Grau und anderen für Emotionen und Sinneswahrnehmungen zuständigen Regionen verstärkt. Interessanterweise entdeckte Tillisch auch Veränderungen im somatosensorischen Cortex, wo die sensiblen Signale aus verschiedenen Körperregionen, unter anderem auch vom Darm eintreffen.

Die klinische Bedeutung der Befunde ist völlig unklar. Dass der Konsum von Probiotika die emotionalen Abwehrkräfte stärkt, kann sicherlich nicht aus der Untersuchung abgeleitet werden. Dies müsste in klinischen Tests an einer größeren Anzahl von Probanden untersucht werden.

Die Kernspintomographie liefert jedoch Anreize für weitere Studien. Als nächstes wollen die Forscher nach möglichen Signalen suchen, über die die Darmbakterien auf die sensiblen Nerven im Darm einwirken. In der Klinik stellt sich die Frage, ob bestimmte Darm­er­krank­ungen, etwa der Reizdarm, in die Signalkette eingreift und so beispielsweise die Schmerzwahrnehmung oder emotionale Verarbeitung beeinflusst.

Denkbar ist auch, dass häufige Antibiotikabehandlungen emotionale Spuren im Gehirn hinterlassen. Dies sind derzeit allerdings nur Spekulationen, die in weiteren Studien geprüft werden müssten. Erwähnt werden muss auch, dass die Forscher wirtschaftliche Interessenkonflikte mit einem führenden Hersteller von Probiotika angeben, dem natürlich an Meldungen zu möglichen positiven Einflüssen seines Produktes auf das Gefühlsleben gelegen ist, auch wenn es dafür keine klinischen Belege gibt. © rme/aerzteblatt.de

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