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Medizin

USA: Hersteller schürt Verordnung von Testosteron

Dienstag, 4. Juni 2013

dpa

Galveston – In den USA ist im letzten Jahrzehnt die Zahl der Männer über 40, die sich von ihren Ärzten Testosteronpräparate verschreiben lassen, stark gestiegen. Die „Androgenersatztherapie“, die meistens ohne Nachweis eines Hormonmangels erfolgt, wird durch eine erfolgreiche „Disease awareness campaign“ eines Herstellers geschürt.

Nach den Recherchen von Jacques Baillargeon von der Universität von Texas in Galveston wurde im Jahr 2011 insgesamt 2,91 Prozent aller über 40 Jahre alten männlichen Versicherten einer großen US-Krankenkasse wenigstens einmal Testosteron verschrieben – dreimal so vielen wie im Jahr 2001.

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In der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen betrug der Anteil sogar 3,75 Prozent, berichtet Baillargeon in JAMA Internal Medicine (2013; doi: 10.1001/jamainternmed.2013.6895). Als Diagnose hatten die Ärzte neben einem Hypogonadismus (51 Prozent) auch Abgeschlagenheit (35 Prozent), erektile Dysfunktion (32 Prozent) und psychosexuelle Dysfunktion (12 Prozent) notiert. Nur der erste Grund, der Hypogonadismus, ist laut den Leitlinien der US-Endocrine Society eine Indikation für eine Substitutionstherapie mit Testosteron (J Clin Endocrinol Metab. 2006; 91: 1995-2010).

Als Voraussetzung für die Verordnung von Testosteronpräparaten fordern die Endokrino­logen die mehrmalige Bestimmung der morgendlichen Serumkonzentration. Doch aus den Versicherungsdaten, die Baillargeon ausgewertet hat, geht hervor, dass nur ein Drittel aller neuen Androgen-Nutzer auch nur ein einziges Mal einen Bluttest durchführen ließ.

Selbst wenn mehrmalige Tests einen „Mangel“ anzeigen, ist nach Einschätzung der Endokrinologen eine Substitution nur beim gleichzeitigen Auftreten von Symptomen sinnvoll. Denn der Rückgang der Testosteronsynthese ist beim Mann physiologisch. Etwa ab dem 40. Lebensjahr beginnt die Konzentration des Gesamttestosterons kontinuierlich zu sinken – um durchschnittlich ein bis 2 Prozent pro Jahr, bei einigen schneller, bei anderen langsamer.

Stephen Woloshin vom Veterans Affairs Medical Center in White River Junction/Vermont bringt den Anstieg der Verordnungen in einem Beitrag (2013; doi: 10.1001 /jamainternmed.2013.7579) mit einer „Disease awareness campaign“ des Herstellers Abbott in Verbindung. Abbott vertreibt ein Testosteron-Gel, das offenbar sehr erfolgreich ist. Die Verordnung von Testosteron-Gelen hat sich nach den Daten von Baillargeon verfünffacht.

Die von Abbott initiierte Website „isitlowt.com“ nennt Energiemangel, Gemüts­ver­än­derungen, „ungewollte Veränderungen“ des Körperbildes, aber auch eine verminderte Libido oder eine sexuelle Dysfunktion als mögliche Folgen eines Testosteronmangels. Nach Beantwortung von 10 Fragen in einem Kurztest werden die Verbraucher dann zumeist zur Bestimmung des Testosteronwerts bei ihrem Arzt aufgefordert.

Die „Disease awareness campaign“ arbeitet nach Ansicht von Woloshin mit zweifelhaften Versprechungen, denn die Evidenz, dass die Androgentherapie die genannten Symptome lindert, ist schwach. In randomisierten klinischen Studien seien nur geringe Veränderungen von Muskel- und Fettmasse (Stichwort: Körperbild) aufgetreten.

Die Auswirkungen auf Depressionen seien unklar, und ein Einfluss auf die „Lebens­energie“ nicht untersucht. Auch hinsichtlich einer Steigerung von Libido und sexueller Zufriedenheit sollten die Anwender nach den von Woloshin zitierten Studien nicht zu viel erwarten. Die Wirkung fiel in der Regel gering aus.

Woloshin kritisiert auch die in die Medien gestreuten Meldungen, nach denen ein Testosteronmangel im Alter Gebrechlichkeit und Tod beschleunige. Er weist darauf hin, dass eine randomisierte klinische Studie aufgrund einer erhöhten Rate von kardiovaskulären Ereignissen vorzeitig gestoppt werden musste (NEJM 2010; 363: 109-122).

Den ungewissen Vorteilen stehen die bekannten Nebenwirkungen einer Testosterongabe gegenüber. Dazu gehören neben einer Polyzythämie, die thromboembolische Ereignisse begünstigt, Ödeme, Leberfunktionsstörungen, Gynäkomastie, eine Verschlechterung des Schlafapnoe-Syndroms, eine Prostatavergrößerung sowie der Anstieg des PSA-Wertes.

Unkontrolliertes Experiment
Der derzeitige Testosteronboom ist für Woloshin ein unkontrolliertes Experiment, das Männer dazu einlädt, sich auf mögliche Risiken eines Medikamentes einzulassen, um Probleme zu beheben, die möglicherweise gar nicht auf einen Testosteronmangel zurückzuführen sind.

Der Journalist Stephen Braun aus Amherst in Massachusetts berichtet, dass er in den letzten Jahren nicht nur zahlreiche Informationsbroschüren für Patienten verfasst hat, sondern als Ghostwriter auch die Consensus-Empfehlungen einer Expertengruppe zusammengefasst hat – alles im Auftrag der Hersteller Solvay (der das Gel-Präparat zuerst vertrieb) und Abbott, die auf diese Weise die Ärzte zur vermehrten Verordnung der Hormonpräparate anregen wollen (2013; doi: 10.1001/jamainternmed.2013.6892). © rme/aerzteblatt.de

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