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Medizin

Akutes Nierenversagen durch orale Fluorochinolone

Dienstag, 4. Juni 2013

Vancouver – Antibiotika aus der Gruppe der Fluorochinolone können ein akutes Nierenversagen auslösen. Eine Fall-Kontroll-Studie an Männern im Alter über 40 Jahre ermittelte im Canadian Medical Association Journal (2013; doi: 10.1503 /cmaj.121730) jetzt ein zweifach erhöhtes Risiko auf die insgesamt seltene Störung, dass bei gleichzeitiger Gabe eines ACE-Hemmers oder Angiotensin-rezeptorblockers weiter anstieg.

Die Gefahr einer möglichen Nierenschädigung durch Fluorochinolone wird schon länger vermutet. Es hat in den letzten Jahren immer wieder Fallberichte gegeben, die meisten zu Ciprofloxacin, das bei einem Urin-pH-Wert von über 6,8 eine Kristallurie auslösen kann. Das Team um Mahyar Etminan von der University of British Columbia in Vancouver hat das Risiko jetzt erstmals systematisch untersucht.

Es griff dazu auf die LifeLink-Datenbank des Unternehmens IMS zurück, die in den USA Daten zu 68 Millionen Patienten gespeichert hat. Die Analyse ist auf 2 Millionen Männer im Alter von 40 bis 85 Jahren beschränkt, über die neben den Medikamentenverordnungen auch Abrechnungen aus Kliniken verfügbar sind.

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In einer genesteten Fall-Kontrollstudie stellte das Team 1.292 Patienten, die wegen eines akuten Nierenversagens im Krankenhaus behandelt wurden, 12.651 Kontrollen gegenüber. Der Vergleich ergab, dass die Patienten häufiger als die Kontrollen vor der Krankenhauseinweisung mit Fluorochinolonen behandelt worden waren, was ein erhöhtes Risiko auf ein akutes Nierenversagen anzeigt.

Für die Gesamtgruppe der Fluorochionolone ermittelt Etminan ein adjustiertes relatives Risiko (RR) von 2,18 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,74-2,73). Am höchsten war es in dieser Wirkstoffklasse für Ciprofloxacin (RR 2,76; 2,03-3,76), gefolgt von Moxifloxacin (RR 2,09; 1,04-4,20) und Levofloxacin (RR 1,69; 1,20-2,39). Die beiden Antibiotika Amoxicillin und Azithromycin (die nicht zu den Chinolonen gehören) waren nicht mit einem erhöhten Risiko verbunden. Das Team hat die Ergebnisse in einer zweiten sogenannten „case-time–control“-Studie bestätigt, die das Risiko einzelner Patienten zu verschiedenen Lebenszeiten verglich: Das akute Nierenversagen trat gehäuft nach der Einnahme der Fluorochinolone auf, die als Antibiotika in der Regel nur für einen kurzen Zeitraum verordnet werden.

Interessanterweise scheinen ACE-Hemmer oder Angiotensin-rezeptorblocker das Risiko weiter zu erhöhen. Patienten, die sowohl ein Fluorochinolon als auch ACE-Hemmer/Angiotensinrezeptorblocker einnahmen, erkrankten vierfach häufiger an einem akuten Nierenversagen (RR 4,46; 2,84-6,99). Eine Erklärung könnte die Wirkung der ACE-Hemmer/Angiotensinrezeptorblocker auf die Nierengefäße sein: Die Dilatation der efferenten Arteriole senkt den intraglomerulären Druck, was eine Schädigung durch Fluorochonolone verstärken könnte. Für die Monotherapie mit ACE-Hemmer/Angiotensinrezeptorblocker wurde übrigens kein erhöhtes Risiko auf ein akutes Nierenversagen gefunden.

Streng genommen gelten die Ergebnisse nur für ältere Männer. Es gibt laut Etminan aber keinen Grund für die Annahme, dass das Risiko auf diese Gruppe beschränkt ist. Die absolute Gefahr für die Patienten dürfte sehr gering sein und im Zweifelsfall überwiegt sicherlich der Nutzen der Antibiotika. Die Kenntnis der möglichen Komplikationen könnte jedoch die Wahl des Antibiotikums bei Patienten mit vorgeschädigten Nieren beeinflussen. © rme/aerzteblatt.de

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