Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Hypertonie: Europäische Kardiologenverbände lockern Blutdruck-Ziele

Montag, 17. Juni 2013

dpa

Mailand – Die European Society of Hypertension (ESH) und die European Society of Cardiology (ESC) lockern die Blutdruckziele für die antihypertensive Therapie bei Hochrisikopatienten. Für Patienten mit Diabetes, kardiovaskulären Vorerkrankungen oder Nierenschäden gelten jetzt die gleichen Zielwerte wie für Patienten ohne bekannte Organschäden. Ein systolischer Blutdruck von unter 140 mm Hg wird in der jetzt vorgestellten Leitlinie als ausreichend angesehen. Bei über 80-Jährigen geben sich Kardiologen auch mit systolischen Blutdruckwerten von unter 160 mm Hg zufrieden.

Die letzte Leitlinie von ESH und ESC aus dem Jahr 2007 hatte für Hochrisiko-Patienten noch einen Zielwert von 130/80 mmHg ausgegeben, den auch die US-Leitlinie (JNC 7) aus dem Jahr 2004 fordert. Doch in der Realität werden diese Werte bei Diabetikern und anderen Hoch-Risiko-Patienten auch in klinischen Studien selten erreicht.

Und wenn dies der Fall war, wie in der ACCORD-Studie bei Typ 2-Diabetikern (NEJM 2010; 362: 1575-85), war kein günstiger Effekt auf die Rate von Herz-Kreislauf-Eerkrankungen zu sehen, deren Vermeidung das eigentliche Ziel der antihypertensiven Therapie ist. In der ACCORD-Studie kam es sogar zu einer Verdopplung der Patienten mit einem Abfall der glomerulären Filtrationsrate (GFR) auf unter 30 ml/min/1,73 m2, was auf eine mögliche Nierenschädigung durch eine zu aggressive antihypertensive Therapie hinweist.

Die hoch-normalen Blutdruckwerte (130 bis 139 mmHg systolisch und oder 85 bis 89 mmHg diastolisch) sollen jetzt vor allem durch Diät und Änderung des Lebensstils gesenkt werden.

In der Diagnostik ist das Vertrauen der Kardiologen auf die Selbstmessung gestiegen, die in vielen Situationen als Alternative zur 24-Stunden-Langzeitmessung anerkannt wird – mit Ausnahme der Abklärung einer nächtlichen Hypertonie, der Bestimmung des „Dipping“-Status und der Blutdruck-Variabilität. Die Leitlinie legt stärker als bisher Wert darauf, die Hypertonie im Kontext mit anderen kardiovaskulären Risikofaktoren zu betrachten.

Das 72-seitige Dokument geht auf spezielle Gruppen wie Diabetiker, jüngere und ältere Patienten und Frauen ein. Bei Frauen kann der Blutdruck durch die Einnahme von Kontrazeptiva oder eine Hormontherapie ansteigen. Das Risiko einer dauerhaften Hypertonie ist auch nach einem Gestationsdiabetes erhöht.

Medikamentöse Therapie undogmatisch
In der medikamentösen Therapie gibt sich die Leitlinie undogmatisch. Für ESH und ESC gibt es keine besseren und schlechteren Antihypertonika mehr, und eine Hierarchie mit Mitteln der ersten, zweiten oder dritten Wahl wird nicht aufgestellt. Auch in der Frage einer Mono- oder Kombinationstherapie steht das Ziel der Blutdrucksenkung und nicht der Weg im Vordergrund.

Neue Erkenntnisse – etwa die zu vermeidende Kombination von ACE-Hemmern mit Angiotensinrezeptorblockern – wurden in den Empfehlungen aufgenommen. Die renale Denervation, ein neuer Therapieansatz aus den letzten Jahren, wird derzeit noch zurückhaltend bewertet, da Daten zur langfristigen Wirksamkeit und Sicherheit natur­gemäß noch nicht vorliegen können.

ESH und ESC erhoffen sich, dass die neuen Leitlinien die gleiche Aufmerksamkeit finden werden wie die beiden letzten Versionen aus den Jahren 2003 bis 2007, die nach Auskunft der beiden Fachgesellschaften zu den am meisten zitierten Publikationen der medizinischen Literatur gehören. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

14. Juni 2018
Paris – Britische Staatsangestellte, die im Alter von 50 Jahren einen erhöhten Blutdruck hatten, erkrankten im Alter von 75 Jahren häufiger als andere an einer Demenz. Das Risiko war laut einer
Hoher Blutdruck mit 50 Jahren erhöht Demenzrisiko im Alter
27. Mai 2018
Atlanta/Boston – Die renale Denervierung, ein zwischenzeitlich für gescheitert erklärtes Konzept zur minimalinvasiven Behandlung der arteriellen Hypertonie, erhält wieder Auftrieb durch aktuelle
Hypertonie: Studien bestätigen Wirksamkeit der renalen Denervierung
17. Mai 2018
Berlin – Unbehandelt kann Bluthochdruck zu Gefäßerkrankungen wie Herzinfarkten und Schlaganfällen sowie zu Nierenversagen und Netzhautveränderungen führen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter erhöht
Welthypertonietag 2018: Nur jeder 5. kontrolliert regelmäßig seinen Blutdruck
23. April 2018
Madrid – Eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung hat in einer Kohortenstudie die Sterblichkeit besser vorhergesagt als einzelne Blutdruckmessungen beim Arzt. Laut der Publikation im New England
Hypertonie: 24-Stunden-Blutdruckmessung kann Leben retten
13. April 2018
London – Eine resistente Hypertonie, die auch auf eine Kombinationstherapie mit drei unterschiedlichen Wirkstoffklassen nicht ausreichend ansprach, war in einer Studie in Lancet Diabetes &
Resistente Hypertonie: Amilorid senkt Blutdruck bei Aldosteronismus
4. April 2018
Bethesda – Eine Hypertonie ist nicht erst während der Schwangerschaft gefährlich für das ungeborene Kind. Nach den Ergebnissen einer Studie in Hypertension (2018; doi:
Erhöhter Blutdruck vor der Schwangerschaft kann Fehlgeburten auslösen
2. März 2018
Oxford – Ein strukturiertes Programm, bei dem Patienten ihren Blutdruck regelmäßig selbst bestimmten und die Werte dem Arzt per SMS oder Brief übermittelten, hat in einer randomisierten Studie im
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige