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„Selbst im Krieg geschütze Orte medizinischer Versorgung wurden von Polizisten gestürmt”

Montag, 24. Juni 2013

Köln – Seit mehreren Wochen dauern in der Türkei die Demonstrationen gegen die klerikal-konservative Führung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan an. Die Protestwelle hatte sich an einem lokalen Konflikt in Istanbul entzündet. Dort waren die Menschen im Mai gegen die Pläne der Stadtverwaltung vorgegangen, den zentralen Gezi-Park mit altem Baumbestand zu beseitigen, um ein Einkaufszentrum zu errichten. Rasch breiteten sich die Proteste auf das ganze Land aus. Die Demonstrationen richten sich nun generell gegen den autokratischen Führungsstil der regierenden AKP und die Einschränkung von Grundrechten.

Mediziner stehen bei diesem schon länger schwelenden Konflikt ebenfalls im Visier der Regierung. Die Türkische Ärztekammer (TBB) hatte in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren wiederholt Kritik an der Erdogan-Führung geübt. In Reaktion darauf rief die Regierung im vergangenen Jahr eine neue Ärzteorganisation ins Leben. In diesem „Rat der Gesundheitsberufe” hat die Regierung eine strukturelle Mehrheit. Die TBB besteht indes auf ihrer Unabhängigkeit und hat bei den aktuellen Protesten tausende Menschen medizinisch versorgt.

5 Fragen an Dr. Hüseyin Demirdizen, Generalsekretär der Istanbuler Sektion des türkischen Ärzteverbandes.

DÄ: Herr Demirdizen, viele Ihrer Kollegen haben in den vergangenen Tagen regierungskritische Demonstranten behandelt. Welche Verletzungen gab es?

Demirdizen: Nicht nur freiwillige Kolleginnen und Kollegen, sondern auch Hunderte von Medizin­studenten, Krankenschwestern, Apothekern und andere Mitarbeiter  aus dem Gesundheitsbereich haben sich um die Verletzten und die Personen gekümmert, die infolge des Tränengaseinsatzes gesundheitliche Probleme bekommen haben. Sie haben sie in die auf den Kundgebungsplätzen eingerichteten provisorischen Lazarette trans­portiert und im Bedarfsfall in die Kliniken gefahren. Denn in vielen Fällen konnten die Notarztwagen nicht rechtzeitig oder gar nicht bis zu dem Ort des Geschehens vorfahren.

Fast alle Verletzungen sind auf einige wenige Ursachen zurückzuführen: Die Demons­trierenden wurden von Tränengasgranaten, Gummigeschossen oder dem Wasserstrahl der Wasserwerfer getroffen. Dem Wasser wurde eine nicht näher bekannte Chemikalie – vermutlich Reizgas – beigemischt. Sehr viele Personen waren an der freien Luft, aber auch in geschlossenen Räumen dem Tränengas ausgesetzt. Andere wurden durch Schlagstockeinsatz, Schläge oder Tritte der Polizisten verletzt.

Hauptsächliche Verletzungsarten waren Brüche am Schädel, teilweise mit Hirnblutung, beziehungsweise der Gesichtsknochen, Verletzungen am Auge bis zum partiellen Verlust der Sehkraft oder der vollständigen Erblindung sowie Knochenbrüche in der Brust­gegend und den Extremitäten. Sehr viele Patienten kamen mit Brandverletzungen am Oberkörper und an den Händen, Ekchymosen, Schnittwunden, Bänderrissen an Knien und Füßen, sowie Verletzungen am Unter- und Hinterleib. Unsere Kollegen mußten zahlreiche Patienten mit Atemnot, Bronchospasmen und pulmonaler Hyperthonie behandeln.

Weitere häufige Beschwerden waren Brustschmerzen, Palpitationen, Brechreiz, Schwindelgefühl, Hautrötungen mit Juckreiz, Verbrennungen 1. und 2. Grades, Bluthochdruck, Hörsturz infolge von Blendgranateneinsatz sowie verbreitete psychologische Beschwerden wie Halluzinationen.

DÄ: Einige der Versorgungsstationen wurden von der Polizei attackiert. Wie wurde dieses Vorgehen begründet und wie beurteilen Sie es?
Demirdizen: Nicht nur wenige provisorische Lazarette, sondern fast alle in Istanbul, Ankara, Izmir und anderen Städten waren Ziel von Polizeiübergriffen. Einige wurden unter Tränengaseinsatz geräumt. Über zehn Kollegen wurden festgenommen.

Zu Beginn der Proteste hatten wir in diesen notdürftig eingerichteten Provisorien versucht, Verletzten zu helfen. Die Polizisten hatten sich zurückgehalten. Später haben Polizisten bei der Verfolgung der Demonstrierenden auch dort nicht Halt gemacht. Noch später haben sie versucht, uns bei der Arbeit zu behindern. Schließlich wurden auch unsere Kollegen und die Helfer zu Demonstranten und deren Unterstützern erklärt.

Eigentlich kann man sagen, dass die Polizisten die Demonstranten bis in die Hotels, die Notaufnahmen der Krankenhäuser, Moscheen, Privatwohnungen und andere geschützten Orte verfolgt haben, wo sie Zuflucht gesucht hatten. Die Polizeibeamten nahmen keine Rücksicht darauf, dass die Verletzten medizinische Versorgung brauchen. Also selbst Orte medizinischer Versorgung, die in Kriegen geschützt sind, wurden von Polizisten gestürmt. Sogar Verletzte, die an Atemgeräte angeschlossen waren oder an Serumflaschen hingen, wurden mit Tränengas und Schlagstöcken attackiert.

Unser Erachtens ist diese Vorgehensweise gegen Ärzte und anderes medizinisches Peronal im unmittelbaren Zusammenhang mit der Gesundheitspolitik der Regierung zu sehen. Der Ministerpräsident und sein Ge­sund­heits­mi­nis­ter führten in den vergangenen Jahren eine Gesundheitsreform durch, die infolge der grenzenlosen Privatisierung zu einer Kommerzialisierung im Gesundheitswesen geführt hat.

Ärzte und Bedienstete sowie deren Berufsverbände und Gewerkschaften widersetzten sich dieser sogenannten Reform und den Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen. Die Antwort der Regierung auf diesen Kampf war eine Kampagne, mit der die Ärzteschaft und die Bediensteten verunglimpft und diskreditiert werden sollten. Mit den Übergriffen jetzt schließt sie nahtlos an diese Kampagne an.

DÄ: Inwieweit spiegeln diese Angriffe denn auch das generelle Verhältnis zwischen Staatsmacht und Medizin wider? Wie positioniert sich die Istanbuler Ärztekammer im politischen Konflikt?
Demirdizen: Zweifellos hat die Regierung in den letzten Wochen unter der Ärzteschaft weiter an Vertrauen und Ansehen verloren. Immer mehr Kollegen erkennen ihren undemokratischen und repressiven Charakter, den sie immer deutlicher an den Tag legt. Die TTB widersetzt sich seit Jahren der Gesundheitspolitik der Regierung, die das Gesundheitssystem kommerzialisiert, die Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten vom Einkommen abhängig macht und mit der neoliberalen Politik auch in diesem Bereich eine Flexiblisierung verstärkt. Darüber hinaus sind wir auch allgemein gegen die konservative und nationalistische Politik, die die Gesellschaft polarisiert.

DÄ: Gab es einen Dialog mit Polizei- oder Regierungskräften?
Demirdizen: Die TTB ist zusammen mit anderen Berufsverbänden, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen sowie politischen Parteien im Bündnis “Taksim-Solidarität” vertreten. Als Vertreter dieses Bündnisses haben unsere Kollegen an Gesprächen mit dem Gouverneur und dem Polizeipräsidenten von Istanbul teilgenommen. Wir waren also stets bemüht, diesen Dialogprozess fortzusetzen. Wir haben allerdings auch erkennen müssen, dass nicht die Istanbuler Behörden über die Entscheidungshoheit verfügen, sondern der Ministerpräsident und sein Innenminister das letzte Wort haben.

DÄ: Welche Perspektive sehen sie für den politischen Konflikt in der Türkei und welche Rolle können und sollten Mediziner dabei spielen?
Demirdizen: Die Proteste, die zu Beginn gegen die Zerstörung des Gezi-Parks am Taksim-Platz gerichtet waren, haben sich zu einem gesellschaftlichen Aufstand gegen die seit zehn Jahren regierende AKP und deren Regierungspolitik entwickelt. Mit ihren Pro­tes­ten sagen die Demonstrierenden unmissverständlich, dass sie diese Politik nicht weiter hinnehmen wollen. Sie widersetzen sich mit diesem Aufstand insbesondere dagegen, dass die Regierung sich mit Regelungen in ihr Privatleben einmischt.

Sie protestieren zum Beispiel gegen das neue Gesetz, mit dem der Genuss und Verkauf von Alkohol eingeschränkt wird. Künstler widersetzen sich Regierungsplänen, die ihre Freiheiten einschränken. Intellektuelle, Schriftsteller, Wissenschaftler gehen gegen die Unterdrückung auf die Straßen. Studenten und Schüler wollen die Repressionen an Hochschulen und die Bildungsreformen nicht mehr hinnehmen und protestieren gegen die Polizeigewalt, mit der ihre demokratischen Forderungen unterdrückt werden sollen.

Arbeitslose Jugendliche mit und ohne Berufsabschluss, die keine Perspektive und auch keine Hoffnung mehr auf eine bessere Zukunft haben, protestieren. Beschäftigte bringen ihre Forderung nach menschenwürdigen Arbeitsbedingungen in die Proteste ein. Menschen, die unter dem steigenden Druck und der religiös motivierten Neugestaltung des gesellschaftlichen Lebens leiden, sind genauso Teil der Protestbewegung. Und alle richten ihren Protest gegen den autoritären Regierungsstil und gegen die undemo­kratischen Repressionen, die mit den islamisch motivierten Reformen im Rechtssystem ermöglicht wurden. Mit dem Protest bringen sie alle ihre Bedenken gegen die Versuche der Regierung zur Sprache, die Gesellschaft zu polarisieren.

Auch wir teilen die Ansicht, dass der Stil und die Sprache der Regierung nicht zur Wahrung des gesellschaftlichen Friedens und zur Demokratisierung des Landes dienen. Wir fordern, dass alle Bürger unseres Landes, die in der Vergangenheit Opfer der diskriminierenden und repressiven Politik waren und auch heute noch sind, allen voran die Kurden und Aleviten, ihre kulturelle und religiöse Identität ausleben können und ihre grundgesetzlich verankerten Rechte bekommen und somit der gesellschaftliche Frieden errichtet werden kann.

Wenn wir die in den letzten Jahren erlebten gesellschaftlichen Traumata überwinden wollen, ist es notwendig, dass der gesellschaftliche Versöhnungsprozess durch die Gewährung demokratischer Freiheitsrechte flankiert wird. Und wir als Ärzte sind bereit, unseren Beitrag zu diesem Heilungsprozess zu leisten. (Übersetzung: Mehmet Calli) © neu/aerzteblatt.de

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